Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 5

26 | ZAHNMEDIZIN zm116 Nr. 05, 01.03.2026, (308) Das erscheint insbesondere dort relevant, wo sogenannte High-Risk-AI zum Einsatz kommt, etwa bei Systemen zur medizinischen Entscheidungsunterstützung, bei denen Fehlinterpretationen unmittelbare Auswirkungen auf diagnostische oder therapeutische Entscheidungen haben können. Gleichzeitig ergibt sich aus den Anforderungen des AI Act eine organisatorische Verantwortung innerhalb von Praxen und Einrichtungen: Wenn KI-Systeme in Arbeitsabläufe integriert werden, müssen alle beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Lage versetzt werden, deren Rolle, Funktionsweise und Grenzen angemessen zu verstehen. KI-Kompetenz wird damit nicht allein zur individuellen Qualifikation, sondern zu einer gemeinsamen Verantwortung innerhalb des Behandlungsteams. Wie viel Evidenz haben KIgenerierte Informationen? Mit dem Aufkommen leistungsfähiger Sprachmodelle verändert sich die Rolle von Wissen in der Ausbildung grundlegend. Wenn Chatbots in der Lage sind, jederzeit umfangreiche, strukturierte und sprachlich überzeugende Antworten auf nahezu jede fachliche Frage zu liefern, verliert die bloße Verfügbarkeit von Wissen ihren bisherigen Stellenwert. Ausbildung kann sich dann nicht mehr darauf stützen, dass Studierende Inhalte memorieren oder abrufen, sondern muss systematisch darauf abzielen, den kompetenten Umgang mit externem, KI-vermitteltem Wissen zu vermitteln. Zentral wird die Fähigkeit, KI-generierte Informationen einzuordnen, ihre Herkunft und Evidenz kritisch zu prüfen und sie mit der individuellen klinischen Situation in Beziehung zu setzen. Gleichzeitig müssen Lernende verstehen, dass sprachliche Plausibilität nicht mit inhaltlicher Richtigkeit gleichzusetzen ist und dass auch „allwissend“ wirkende Systeme Unsicherheiten, Verzerrungen oder blinde Flecken aufweisen können. In einer solchen Lernumgebung verschiebt sich der Fokus der Ausbildung von der Wissensakkumulation hin zur epistemischenUrteilskraft:Studierende müssen lernen, wann sie einem KI-System folgen können, wann Skepsis geboten ist und wann bewusst davon abzuweichen ist. Chatbots werden damit nicht zum Ersatz von Ausbildung, sondern zu einem Katalysator, der deutlich macht, dass professionelle Kompetenz sich künftig weniger über Wissen selbst als über dessen reflektierte Nutzung definiert. Die beschriebenen Entwicklungen legen nahe, dass KI in der zahnmedizinischen Ausbildung nicht allein projektbezogen oder fakultativ behandelt werden sollte. Vielmehr stellt sich die Frage, ob es einer übergreifenden strategischen Rahmung bedarf. Denkbar wären definierte Mindestkompetenzen im Umgang mit KI im Studium, eine curriculare Verankerung entsprechender Inhalte sowie abgestimmte Fortbildungskonzepte in der Weiterbildung. Die WHO/ITU-Initiative „KI im Gesundheitswesen“ hat Vorschläge für ein zahnmedizinisches „Mindestcurriculum“ gemacht [Schwendicke et al., 2023] (Tabelle 1). Eine solche Rahmung hätte nicht das Ziel, die Ausbildung zu technisieren. Im Gegenteil: Sie könnte dazu beitragen, den humanen Kern der Zahnmedizin zu stärken. Denn je leistungsfähiger KI-Systeme werden, desto wichtiger wird die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu begründen und die Patientinnen und Patienten in komplexen Situationen zu begleiten. Ausblick Künstliche Intelligenz stellt die zahnmedizinische Ausbildung vor grundlegende Herausforderungen – nicht, weil sie Wissen ersetzt, sondern weil sie das Verständnis von Kompetenz verändert. Prüfungen, Curricula und Weiterbildungskonzepte müssen sich weiterentwickeln, um dieser Realität gerecht zu werden. Die Chance liegt darin, Ausbildung neu zu justieren: weg von der Reproduktion hin zur Förderung klinischer Urteilskraft, kritischer Reflexion und verantwortungsvoller Entscheidungsfindung im Zusammenspiel mit KI. Gelingt dies, kann KI zu einem Impuls für eine zukunftsfähige, professionell gestärkte Zahnmedizin werden – nicht trotz, sondern gerade wegen ihres technologischen Fortschritts. „ Dr. Fabian Langenbach Chief Strategy Officer Deutsche Gesellschaft für Implantologie im Zahn-, Mund- und Kieferbereich e.V. Karlstr. 60, 80333 München Foto: DGI e.V. Prof. Dr. Tabea Flügge Charité Universitätsmedizin Berlin Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Campus Benjamin Franklin Hindenburgdamm 30, 12203 Berlin Foto: www.eventfotosberlin.de Univ.-Prof. Dr. Falk Schwendicke, MDPH Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und digitale Zahnmedizin, LMU Klinikum Goethestr. 70, 80336 München Foto: Peitz/Charité ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden.

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