TITEL | 41 zm116 Nr. 05, 01.03.2026, (323) INTERVIEW MIT PROF. JOHAN WÖLBER ZUR ERNÄHRUNGSZAHNMEDIZIN „Wer selbst kocht, begreift viel besser, was tatsächlich im Essen steckt!“ Culinary Dentistry fängt beim Essen an. Denn Prävention scheitert selten am Wissen, sondern oft an der Umsetzung. Warum kleine Schritte mehr bringen als jede Verbotsliste und wie Zahnärztinnen und Zahnärzte in wenigen Minuten Stuhlzeit wirksame Impulse setzen können, schildert Prof. Johan Wölber. Er hat das Fach in Dresden etabliert. Herr Prof. Wölber, welche Lücke in der zahnmedizinischen Lehre wollen Sie mit Culinary Dentistry schließen? Prof. Dr. med. dent. Johan Wölber: Auch wenn die neue Approbationsordnung stärker auf Prävention ausgerichtet ist, kommt der Gesundheitsfaktor Ernährung im Studium weiterhin kaum vor. Dabei betrifft Ernährung nicht nur die Mundgesundheit, sondern ebenso die Allgemeingesundheit – und genau dieses „Gemeinsame“ mit seinen vielen Facetten möchten wir stärker ins Bewusstsein rücken. Mit Culinary Dentistry wollten wir deshalb Ernährungswissen gezielt in die Ausbildung integrieren – nicht nur theoretisch, sondern praxisnah, indem wir gemeinsam arbeiten, uns austauschen und auch konkret ins Tun kommen, zum Beispiel beim Kochen. Wie würden Sie Culinary Dentistry in einem Satz definieren – und worin besteht der Unterschied zu Culinary Medicine? Culinary Dentistry ist Ernährungszahnmedizin zum Anfassen: die Vermittlung und Anwendung von Ernährungswissen aus zahnmedizinischer Perspektive – mit dem Ziel, Mundgesundheit zu fördern und damit zugleich Prävention für die Allgemeingesundheit zu stärken. Der Unterschied zu Culinary Medicine liegt vor allem im Blickwinkel: Während Culinary Medicine von der Allgemeinmedizin auf Ernährung schaut, setzt Culinary Dentistry bei der Mundhöhle und den oralen Erkrankungen an – wobei sich mundgesunde Ernährung im Kern nicht grundlegend von allgemein gesunder Ernährung unterscheidet, sondern diese oft sinnvoll konkretisiert, zum Beispiel beim Thema Zucker. Stehen Sie dazu mit Kolleginnen und Kollegen im Ausland im Austausch? Entsteht da gerade ein neuer Trend? Der internationale Austausch ist bislang eher begrenzt. Wir haben zwar vereinzelt Hinweise auf den Begriff Culinary Dentistry gefunden – unter anderem auf einer US-amerikanischen Universitätsseite –, dort aber nicht als klar ausgebautes Lehrkonzept. Die Grundidee kommt aus der Culinary Medicine, die ihren Ursprung in den USA hat und in der Humanmedizin (auch in Deutschland an einzelnen Hochschulen) bereits präsenter ist. Den Begriff Culinary Dentistry haben wir daher nicht „neu erfunden“, sondern konsequent als zahnmedizinisches Pendant übertragen. Ob daraus ein Trend wird, hängt letztlich davon ab, wie viele Standorte das strukturiert in die Lehre integrieren. Wie reagieren Kolleginnen und Kollegen darauf, dass Sie im Rahmen der Lehre Kochkurse anbieten? Die Resonanz aus der Kollegenschaft ist überwiegend positiv, weil Prävention und Ernährung als Querschnittsthema immer wichtiger werden und das praktische Format Studierende gut erreicht. Natürlich gibt es auch skeptische Stimmen nach dem Motto: „Jetzt wird auch noch gekocht – wie soll das alles in den ohnehin vollen Lehrplan passen?“ Gleichzeitig gibt es bereits Interesse und Planungen an weiteren Standorten in Deutschland, so dass sich das Konzept voraussichtlich weiter verbreiten wird. Was sollen Studierende am Ende konkret können? Am Ende sollen sie fundiert erklären können, wie Ernährung mit Karies, Erosion, Gingivitis und Parodontitis zusammenhängt – und was das für die Allgemeingesundheit bedeutet. Sie sollen außerdem alltagsnahe, konkrete Empfehlungen geben können: wie man Lebensmittel sinnvoll auswählt, wie man sie mundgesund zubereitet und vor allem wie „Gesund“ und „Lecker“ zusammengeht. Denn nur was schmeckt, wird auch regelmäßig gegessen. Ein weiteres Lernziel ist Ernährungskompetenz im praktischen Sinne: Wer selbst kocht, begreift viel besser, was tatsächlich im Essen steckt – bei Convenience-Produkten geht dieses Verständnis schnell verloren. Was die Studierenden besonders schätzen, ist die Kombination aus Fachinput und Praxis: Nährstoffe, Zubereitung, Geschmack, Genießen – und das soziale Erleben. Gemeinsame Mahlzeiten sind ein verbindendes Element, über Alter, Geschlecht und Kultur hinweg, und genau dieser Aspekt wird in der zahnmedizinischen Lehre sonst selten so greifbar. Prof. Dr. med. dent. Johan Wölber Foto: privat
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