Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 5

TITEL | 43 zm116 Nr. 05, 01.03.2026, (325) SO WIRD’S PRAXISTAUGLICH Was geht ganz konkret in der täglichen Praxis? Was ist in drei Minuten Stuhlzeit realistisch? Das Schöne an der Zahnmedizin ist, dass wir unsere Patientinnen und Patienten regelmäßig wiedersehen – genau deshalb können schon kurze drei Minuten-Impulse über mehrere Termine viel bewirken. Als „Minimum“ würde ich mit einem klaren Schwerpunkt starten: Zucker ist die größte gemeinsame Schnittstelle, sowohl für Karies als auch für Gingivitis/Parodontitis. Ein kurzer Einstieg kann sein: „Wie sieht Ihr Zuckerkonsum im Alltag aus – und wo wäre eine kleine Reduktion realistisch?“ oder im Sinn des Motivational Interviewing: „Was würden Sie persönlich gewinnen, wenn Sie Zucker etwas reduzieren?“ Direkt dazu passt als zweite Kernbotschaft „vollwertig statt verarbeitet“, also mehr Ballaststoffe: „Welche einfache Alternative könnten Sie öfter einbauen – zum Beispiel Vollkorn statt Weißmehl oder eine ballaststoffreiche Zwischenmahlzeit statt Süßes?“ Weil die Zeit knapp ist, lohnt sich das Staffelprinzip: pro Termin ein Mini-Thema. Beim nächsten Termin kann man kurz nach Vitamin D fragen (oder ob ein Wert bekannt ist), beim nächsten nach Fischkonsum / Omega 3 als entzündungsrelevanter Baustein. Wichtig ist dabei: Es muss nicht perfekt sein – entscheidend ist ein realistischer nächster Schritt bis zum nächsten Termin. Und ganz pragmatisch zur Abrechnung: Der Zeitfaktor ist real, zumal es aktuell keine eigene reguläre Position für Ernährungsberatung gibt – deshalb wird es in der Niederlassung oft nicht gemacht. Wir nutzen in der Parodontaltherapie deshalb einen niederschwelligen Weg und haben eine kurze Ernährungsberatung als Analogposition integriert (circa 10 Minuten, privat), orientiert an den Empfehlungen der Bundeszahnärztekammer. Das zeigt den Kolleginnen und Kollegen: Man kann Ernährung auch im Praxisalltag abbilden – entweder als kurzen Impuls in der Sitzung oder, wenn mehr Bedarf besteht, als klar definierten, separat geplanten Beratungsschritt. Welche drei Patienten-Hürden begegnen Ihnen in der Ernährungsberatung am häufigsten? Die häufigsten Hürden sind tatsächlich Zeit, Gewohnheiten (bis hin zu einer Art „Zucker-Abhängigkeit“) und Budget – oft kombiniert mit dem Gefühl, „gesunde Ernährung ist kompliziert oder teuer“. Entscheidend ist, nicht mit Verboten zu arbeiten. Sätze wie „Essen Sie jetzt bitte keinen Zucker mehr“ funktionieren in der Praxis nicht. Wir arbeiten deshalb mit Motivational Interviewing: Die Patientin oder der Patient soll die Lösung mitentwickeln – das erhöht die Chance, dass es im Alltag auch umgesetzt wird. Zeit: Viele sagen „Ich habe keine Zeit.“ Dann hilft es, den Druck rauszunehmen und auf schnelle, realistische Schritte zu gehen: „Welche kleine Änderung wäre für Sie machbar, ohne dass Sie extra kochen müssen?“ oder „Gesundes kann auch Fastfood sein – zum Beispiel ein Apfel, ein Naturjoghurt mit Beeren oder ein Vollkornbrot statt eines Snacks.“ Wichtig ist die Botschaft: Essen findet sowieso statt – es geht darum, es einfacher und mundgesunder zu gestalten. Budget: „Gesund ist teuer“ ist oft ein Mythos – gerade in Deutschland. Konkrete, praxistaugliche Sätze sind „Wofür geben Sie gerade am meisten Geld aus – Getränke, Snacks, Fertigprodukte?“ und „Leitungswasser statt Softdrink ist ein großer Hebel!“. Auch beim Essen gilt: Vollwertig und ballaststoffreich sättigt besser – dadurch wird oft weniger „nebenbei“ gegessen. Und nicht jeder gesunde Baustein ist teuer: Seelachs zum Beispiel ist als Fischvariante meist bezahlbar. Gewohnheiten/Zucker: Hier funktioniert „alles oder nichts“ selten. Besser ist: „Wo wäre der leichteste Einstieg – bei Softdrinks, Kaffee oder Snacks?“ und „Lassen Sie uns Zucker schrittweise reduzieren, statt ihn komplett zu verbannen“. Im Sinne des Motivational Interviewing kann man fragen: „Was würden Sie persönlich durch weniger Zucker gewinnen?“ So kommt die Motivation aus der Patientin oder dem Patienten – und genau das macht es langfristig wirksam. Welche alltagstauglichen „Swaps“ empfehlen Sie besonders häufig? Alltagstaugliche Swaps funktionieren am besten, wenn sie schrittweise eingeführt werden – Gewohnheiten brauchen Wiederholung, bis sie sich „normal“ anfühlen. Der Klassiker ist natürlich, Softdrinks und Saft durch Wasser oder ungesüßten Tee zu ersetzen – gerade bei hohem Zuckerkonsum, Kariesaktivität oder Erosionsrisiko ist der Effekt schnell spürbar. Ein zweiter, oft unterschätzter Hebel ist der Wechsel von Weißmehlprodukten zu Vollkorn- und Vollwertvarianten bei Brot, Pasta oder Reis: Das sättigt besser, stabilisiert den Essrhythmus und reduziert bei vielen das „nebenbei Snacken“, was sich wiederum positiv auf die Anzahl der täglichen Zuckerimpulse auswirkt. Drittens empfehle ich, feste Süß-SnackRoutinen durch realistische Alternativen zu ersetzen – etwa Obst, Gemüse mit Dip oder, wenn es passt, eine kleine Portion Nüsse. Besonders profitieren davon Menschen, die nachmittags oder abends regelmäßig snacken und dadurch über den Tag dauerhaft viele Zuckerreize setzen. Welche Tipps geben Sie anderen Fakultäten, die das Konzept übernehmen wollen? Aus meiner Sicht sind drei Punkte entscheidend: Erstens braucht es eine geeignete Infrastruktur – idealerweise eine Küche mit ausreichender Kapazität, wie bei uns das Personalrestaurant. Zweitens braucht es eine finanzielle Absicherung, denn ohne Budget wird es schnell teuer und externe Kochschulen sprengen meist den Rahmen. Drittens braucht es institutionelle Offenheit und Rückhalt, damit das Format organisatorisch wirklich möglich ist. Bei uns tragen die Stiftung Hochschulmedizin Dresden und eine innovative Lehrförderung das Projekt, teils spendenbasiert. Genau darin liegen auch die Stolpersteine: Wenn die Finanzierung jedes Jahr unsicher ist, wird Planung schwierig. Wichtig ist zudem, sich die Unabhängigkeit zu bewahren – also keine Verpflichtungen gegenüber Geldgebern einzugehen. Das Gespräch führte Dr. Nikola Lippe.

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