Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 5

52 | ZAHNMEDIZIN EINSATZMÖGLICHKEITEN BEI TYPISCHEN ERKRANKUNGEN DES KIEFERGELENKS Arthroskopische Eingriffe zur CMD-Behandlung Christian Doll, Stella Maria Louis-Louisy, Anne Altenhövel, Ulrike Hollmann, Manja von Stein-Lausnitz, Fabian Elsholtz, Max Heiland, Norbert Neckel Trotz konservativer Behandlungen leiden viele Patientinnen und Patienten mit craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) unter funktionellen Einschränkungen und Schmerzen. Hier bietet die Kiefergelenksarthroskopie als minimalinvasives Verfahren eine direkte intraartikuläre Beurteilungsmöglichkeit und ein breites Spektrum therapeutischer Optionen. Wir zeigen die Einsatzmöglichkeiten bei Erkrankungen des Kiefergelenks anhand eines Fallberichts. CMD ist durch Schmerzen und/ odereineDysfunktionimBereich des Kausystems gekennzeichnet; gemäß Definition der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT) typischerweise als Kaumuskelschmerz, Kiefergelenkschmerz und/oder (para-)funktionell bedingter Zahnschmerz. Dysfunktionen können sich als Bewegungseinschränkung, intraartikuläre Störungen oder okklusale Interferenzen äußern [Hugger et al., 2016]. Darüber hinaus können sekundäre Begleitbeschwerden wie Kopf- oder Nackenschmerzen auftreten, die den Leidensdruck der Betroffenen zusätzlich erhöhen. Die Prävalenz der CMD liegt bei circa 34 Prozent weltweit [Zieliński et al., 2024]. Die Pathogenese ist komplex und bis heute nicht vollständig verstanden. Man geht davon aus, dass die genetische Disposition, auslösende Faktoren sowie unterhaltende Einflüsse zusammenwirken [Schindler, 2017]. In der klinischen Praxis ist es häufig schwer, eindeutige Auslöser zu identifizieren. Ähnliche klinische und radiologische Befunde können mit sehr unterschiedlichen Symptomen und unterschiedlichem subjektivem Leidensdruck auftreten. Während die Symptome oft nur leicht ausgeprägt sind und/oder spontan abklingen, erfordern andere Verläufe eine weiterführende Therapie. Eine strukturierte und interdisziplinär abgestimmte Diagnostik ist dafür die Grundlage. Die kürzlich entwickelte Diagnoseklassifikation des craniomandibulären Systems (DC-CMS) ermöglicht eine differenzierte Einteilung der CMD in myogene, arthrogene und/oder okklusogene Formen. Außerdem werden relevante Komorbiditäten erfasst. Damit stellt dies eine weiterentwickelte Systematik gegenüber der klassischen DC/ TMD-Klassifikation dar [Weber et al., 2025a; Weber et al., 2025b]. Konservative Behandlungen kommen an ihre Grenzen Die Behandlung der CMD erfolgt meist interdisziplinär und orientiert sich an der jeweiligen Leitkomponente der Beschwerden. Bei den meisten Patienten ist eine Schienentherapie (zum Beispiel mit adjustierter Aufbissschiene) die Basis der Behandlung. Zudem profitieren viele Betroffene von einer Physiotherapie sowie einer Verhaltensmodifikation. Während sich bei (vorwiegend) myogener Leitkomponente häufig eine Besserung durch konservative Maßnahmen zeigt, kann bei arthrogener Symptomatik der Einsatz minimalinvasiver operativer Verfahren hilfreich sein. Verschiedene arthroskopisch gestützte Interventionen ergänzen die konservativen Therapieansätze. Diese ermöglichen eine direkte Behandlung intraartikulärer Pathologien [Al-Moraissi et al., 2020a]. Als Option bei therapieresistenten myogenen Beschwerden, aber auch als begleitende/vorbereitende Maßnahme vor chirurgischen Eingriffen kann sich die Injektion von Botulinumtoxin als wirksame Behandlung erweisen [Angelo et al., 2023]. Es gibt aktuell keine einheitliche Empfehlung, zu welchem Zeitpunkt eine (minimalinvasive) chirurgische Intervention erfolgen sollte. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) zu inflammatorischen Kiefergelenkserkrankungen betont, dass zm116 Nr. 05, 01.03.2026, (334) Abb. 1: Intraoperative Darstellung des Level-I-Zugangs mit eingeführter Trokarhülse (dicker Pfeil), Kameraoptik und Spülkanüle (dünner Pfeil) Foto: Tummings; MKG Charité

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