Seit Anfang dieses Jahres spitzt sich die Reformdebatte um die deutschen Sozialsysteme zu, angetrieben durch die explodierenden Kosten in den Bereichen Rente, Gesundheit und Pflege. Angesichts des hohen Reformdrucks ringt die Bundesregierung um tiefgreifende Umbauten; fast täglich kommen Reformvorschläge von allen Seiten – von Politik, Gewerkschaften und Verbänden. Dass der Sozialstaat reformiert werden muss, bestreitet niemand. Jedoch: Die Kommunikation darüber muss zielgerichtet und vor allem fundiert geführt werden. Für den langfristigen Erfolg jeglicher Reformvorhaben unseres geschätzten Sozialsystems ist eine durchdachte und faktenbasierte Strategie unerlässlich. Diese Strategie aber scheint es bei all den eingebrachten Vorschlägen nicht zu geben – zumindest ist sie nicht ersichtlich. Wir brauchen eine ernsthafte Debatte und eben keine populistischen Ideen, wozu auch der erneute Vorschlag zählt, Zahnbehandlungen aus dem Katalog der gesetzlichen Krankenkassen zu streichen und privat abzusichern. Die Urheber eines solchen Vorschlags, der im Übrigen bereits zuvor auch von einzelnen Krankenkassen kam, erreichen damit zwar, für einen kurzen Moment im Mittelpunkt der Debatte zu stehen. Doch letztendlich haben sie nur gezeigt, offenbar ein Verständnisproblem darüber zu haben, wie sich Kosten wirklich sparen lassen. Davon ganz zu schweigen, dass sie zudem die Patientinnen und Patienten, die auf ein solides Gesundheitssystem vertrauen dürfen, verunsichern. Und das, obwohl einer Umfrage zufolge eine große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger grundlegende und ehrliche Reformen für nötig hält – und auch für diese bereit ist. Solche vermeintlichen Lösungsmöglichkeiten sind also gerade nicht zielführend. Die Reaktionen aus allen Parteien darauf waren nicht nur absolut eindeutig; sie zeigten einmal mehr, dass wir als Berufsstand mit unserer Präventionsstrategie völlig richtig aufgestellt sind. Einen besseren Zuspruch für unsere damalige Entscheidung, von der kurativen Zahnmedizin abzukehren, hätten wir gar nicht bekommen können. Wir als Berufsstand werden in der Politik als Paradebeispiel für eine gelungene Strategie einer nachhaltigen Finanzpolitik im Gesundheitssystem gehandelt. Daher sind wir auch mit unserer Forderung, die zielgenaue Stärkung der Prävention zu einem Kernelement in der Gesundheitspolitik zu machen, um Krankheitslasten zu verringern beziehungsweise zu verhindern, und damit Kosten zu senken, völlig richtig aufgestellt. Und werden diesen Weg auch vehement weitergehen. Denn es ist die Kombination von Präventionsorientierung mit einem angemessenen Maß an Eigenverantwortung der GKV-Versicherten, die zu einer stetigen Verbesserung der Mundgesundheit und zu stabilen Ausgaben führt. Ende März legt die Finanzkommission Gesundheit ihren ersten Bericht vor. Bis dahin werden wir wohl weiterhin mit Reformvorschlägen der verschiedensten Couleurs rechnen müssen. Entscheidend ist aber, wie gesagt, dass Bundesgesundministerin Nina Warken hinter unserer Strategie steht und die Selbstverwaltung einbindet, um gemeinsam Lösungen zu finden. Denn nur so können Reformen wirklich gelingen und eben gerade nicht, wenn sie unreflektiert in die Welt getragen werden. Der Satz, Prävention ist der Schlüssel zum Erfolg, hat genauso viel Gültigkeit wie jener, dass Mundgesundheit und Allgemeingesundheit unzertrennlich sind. Und daher ist es unbestritten, dass die Zahnmedizin auch weiterhin Teil des GKV-Leistungskatalogs bleiben muss. Angesichts der Ergebnisse der GKVFinanzkommission, die nun ab Frühjahr zu diskutieren sind, können wir aus Sicht der vertragszahnärztlichen Versorgung sagen: Wir stehen für Diskussionen für notwendige Reformen im Gesundheitswesen – wie immer schon – bereit. Unausgegorenen Schnellschüssen und populistischen Forderungen, die den Berufsstand und unsere Patientinnen und Patienten verunsichern, werden wir weiterhin eine deutliche Absage erteilen. Martin Hendges Vorsitzender des Vorstandes der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung Es geht ums Ganze Foto: Jan Knoff, Cologne 8 | LEITARTIKEL
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