Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 6

40 | ZAHNMEDIZIN INTERVIEW MIT PROF. DR. JOHANNES EINWAG ZU PRÄSENZ- VS. ONLINE-FORTBILDUNGEN „Es geht um eine vernünftige Balance zwischen beiden Formaten“ Mit Beginn der Corona-Pandemie mussten die zahnmedizinischen Fortbildungsveranstaltungen quasi über Nacht ins Streamingformat überführt werden. Die erzwungene Flucht ins Virtuelle zeigte jedoch schon bald auch ihre Vorteile, so dass aus der Not nicht selten eine Tugend wurde. Nach dem Ende der Pandemie blieb neben der traditionellen Präsenzveranstaltung auch das Onlineformat erhalten. Wie hat sich die Fortbildungslandschaft seither verändert? Wir haben Prof. Dr. Johannes Einwag, Fortbildungsreferent der Bayerischen Landeszahnärztekammer, gefragt. Herr Prof. Einwag, in Deutschland wird viel über wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen gesprochen. Die zahnmedizinische Fortbildung scheint erfreulicherweise jedoch intakt zu sein – zumindest wenn man sich die Teilnehmerzahlen der Zahnärztetage anschaut. Im Januar nahm mehr als jeder vierte Hamburger Zahnarzt am dortigen Zahnärztetag teil und auch bei Ihnen in Bayern gab es hohe Teilnehmerzahlen. Warum ist Fortbildung so nachgefragt? Prof. Dr. Johannes Einwag: Letztlich zunächst einmal aus purer Notwendigkeit! Die Voraussetzungen der zahnärztlichen Berufsausübung haben sich in mehrfacher Hinsicht geändert: Zum einen hat sich das zahnmedizinische Fachwissen sowohl qualitativ weiterentwickelt als auch quantitativ erweitert. Längst nicht mehr alles kann an der Uni gelehrt werden. Die im Rahmen der Ausbildung erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten allein reichen nicht mehr aus, um ein Berufsleben über 40 bis 50 Jahre fachlich und betriebswirtschaftlich erfolgreich bewältigen zu können. Hinzu kommt der Fortbildungsbedarf zur Praxisführung, weil sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern und zu guter Letzt gibt es in der Zahnmedizin erfreulicherweise viele, vor allem digitale Innovationen – auch die sorgen für Konjunktur in der Fortbildung. Die Formel vom lebenslangen Lernen ist in unserem Beruf längst zum Normalzustand geworden. Wenn Sie all diese Fortbildungsbedarfe aufzählen, klingt das nach einer schweren Last, die die Kolleginnen und Kollegen neben ihrem Praxisalltag zu bewältigen haben. Wie nehmen Sie die Stimmung bei den Teilnehmenden wahr? Von „schwerer Last“ bemerke ich nichts! Die Stimmung kann am besten charakterisiert werden als „gespannte Erwartung“: „Bin ich mit meinen Behandlungskonzepten noch auf der Höhe der Zeit? Was kann ich belassen – was muss ich ändern?“ lauten die wesentlichen Fragen. Die Freude und das Interesse am Neuen, die Neugierde am Innovativen sind im Berufsstand nach wie vor sehr lebendig – in allen Altersgruppen! Daran hat sich in den letzten Jahrzehnten nichts geändert! Die Corona-Zeit hat das Onlineformat in die Fortbildung gebracht. Heute setzen viele Veranstalter auf Hybridformate, um über den lokalen Bereich hinaus Interessenten anzusprechen. Welche Erfahrungen haben Sie in Bayern gemacht? Die Onlinefortbildung funktioniert vor allem dann, wenn es um reine Wissensvermittlung geht. Sie erspart den Teilnehmern aufwendige Anreisen und hat nicht zuletzt unter ökologischen Aspekten ihre Berechtigung. Ich habe seit Ende 2021 über die Europäische Akademie für Zahnärztliche Fortbildung (eazf) bereits zwölf Online-Kursserien mit bislang 119 Fortbildungsabenden organisiert. Gerade von jungen Kolleginnen und Kollegen wird dieses Fortbildungsformat im Flächenland Bayern gerne wahrgenommen. Es ist ein echtes Erfolgsmodell. Kann das Onlineformat die Präsenzveranstaltung ersetzen? Nein, das Onlineformat kann die Präsenzfortbildung – vor allem die praktischen Trainingseinheiten – nicht ersetzen. Aber es ist eine tolle Ergänzung, wenn es attraktiv aufgezogen wird. Wenn es dagegen nur darum geht, Präsenzveranstaltungen durch kostensparende Onlineformate zu ersetzen, dann wird die Veranstaltung an Attraktivität zm116 Nr. 06, 16.03.2026, (418) Prof. Dr. Johannes Einwag war von 1992 bis 2021 Direktor des Zahnmedizinischen Fortbildungszentrums Stuttgart der Landeszahnärztekammer BadenWürttemberg und seit 1996 auch Fortbildungsreferent zunächst der Bezirkszahnärztekammer Stuttgart, anschließend der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg. Seit 2021 unterstützt er die Bayerische Landeszahnärztekammer zunächst beim Aufbau der online-Fortbildung; seit 2023 ist er deren Fortbildungsreferent und als wissenschaftlicher Leiter verantwortlich für den Bayerischen Zahnärztetag, ein Großevent mit Bedeutung weit über das Bundesland hinaus. Foto: privat

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