62 | ZAHNMEDIZIN ALLERGIEN UND NICHTALLERGISCHE HYPERSENSITIVITÄTEN Wie sicher sind zahnärztliche Lokalanästhetika? Frank Halling, Axel Meisgeier, Peer W. Kämmerer Immer wieder kommt es im klinischen Alltag vor, dass Patienten ihre Behandlerinnen und Behandler mit „Allergien“ und „Unverträglichkeiten“ auf Lokalanästhetika konfrontieren. Da solche Reaktionen selten sind, führt das oft zu Irritationen und Unsicherheiten im Umgang mit der Situation. Was sagen die aktuellen Daten? Lokalanästhetika sind ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Zahnmedizin. In Deutschland erhielten 2023 von 100 Patienten im Durchschnitt 16 Patienten eine Leitungs- und 38 eine Infiltrationsanästhesie [KZBV, 2024]. Man geht davon aus, dass hierzulande jährlich etwa 70 Millionen Injektionen zur Lokalanästhesie bei zahnmedizinischen Eingriffen durchgeführt werden. Insgesamt ist die Komplikationsrate mit 4,5 Prozent bei örtlichen Betäubungen sehr niedrig, sie fällt aber bei Risikopatienten (zum Beispiel Multimedikation) mit 5,7 Prozent signifikant höher aus. Allerdings bestehen die meisten Komplikationen nur vorübergehend und erfordern keine spezielle Therapie [Daubländer et al., 1997]. Betrachtet man die Wirkstoffe, die zur zahnärztlichen Anästhesie verwendet werden, so fällt auf, dass in Deutschland fast ausschließlich Articain (Marktanteil 97 Prozent) eingesetzt wird. Der Anteil der Zubereitungen mit einem Adrenalinzusatz von 1:100.000 liegt bei etwa 44 Prozent, bei der Adrenalinkonzentration 1:200.000 sind es etwa 51 Prozent. Adrenalinfreie Zubereitungen spielen mit einem Anteil von drei Prozent nur eine sehr untergeordnete Rolle [Halling et al., 2021]. Wie bei jedem Arzneimittel besteht auch bei Lokalanästhetika die Möglichkeit einer Unverträglichkeit. Obwohl davon auszugehen ist, dass etwa acht Prozent der Bevölkerung über Arzneimittelunverträglichkeiten berichten [Sousa-Pinto et al., 2017], sind diesbezügliche Angaben bei Lokalanästhetika sehr rar. In der Studie von Daubländer und Mitarbeitern wird die Häufigkeit allergischer Reaktionen bei 2.731 Patienten mit weniger als einem Prozent angegeben. Dabei wird jedoch darauf verwiesen, dass psychogene Reaktionen auch Allergien vortäuschen können [Daubländer et al., 1997]. Somit erscheint es sinnvoll, die möglichen Unverträglichkeiten und deren Häufigkeit bei zahnärztlichen Lokalanästhetika einmal näher zu beleuchten. Dabei ist es wichtig, die möglichen Wirkstoffe, die bei einer Lokalanästhesie appliziert werden, nämlich Articain und die Konservierungsstoffe Sulfit (meist Natriumbisulfit) und Methylparaben, getrennt zu betrachten. Allergische Hypersensitivitätsreaktionen bei Articain Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW, „adverse drug reactions“ [ADR], umgangssprachlich „Nebenwirkung“) sind Wirkungen, die aus den pharmakologischen Effekten des Arzneimittels resultieren. UAW werden in pharzm116 Nr. 06, 16.03.2026, (440) Abb. 1 Fotos: Schorschski, Wikipedia/mod. Frank Halling; Rabizo Anatolii – stock.adobe.com Mastzelle Allergen IgEAntikörper Entzündungsmediatoren (Histamin, Leukotriene etc.) Allergische IgE-Typ I-Reaktion
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