zm116 Nr. 06, 16.03.2026, (442) 64 | ZAHNMEDIZIN Methyl-4-hydroxybenzoat (Methylparabene), die oft als Additiva Nahrungsoder Arzneimitteln zugesetzt werden, [Wigand et al., 2012; Chatterjee et al., 2024]. Typischerweise ist bei Pseudoallergien das Immunsystem nicht über IgE-Antikörper an der Hypersensitivitätsreaktion beteiligt. Im Unterschied zur Allergie verursachen nicht Eiweißstoffe, sondern kleinmolekulare Substanzen wie Sulfite die pseudoallergene Reaktion [Bundesinstitut für Risikobewertung, 2023]. Die Mastzell-Aktivierung mit Ausschüttung von Histamin und anderen Entzündungsmediatoren erfolgt direkt und unspezifisch ohne vorherige Sensibilisierung und ohne Beteiligung oberflächlich gebundener Antikörper (Abbildung 2). Demzufolge sind diagnostische Haut- oder Bluttests üblicherweise negativ. Klinisch äußern sich die Pseudoallergien ähnlich wie Typ-I-Reaktionen mit Hautausschlag, Rhinitis, Dyspnoe und Krämpfen [Simon, 1996]. a) Sulfite Lokalanästhetika mit Adrenalinzusatz enthalten je nach Hersteller Sulfite in einer Konzentration von 0,15–0,2 mg/ ml. Sie dienen als Antioxidantien zur Stabilisierung des zugesetzten Katecholamins [Perusse et al., 1992]. In der Allgemeinbevölkerung werden Hypersensitivitäten auf Sulfite mit 2,9–4,5 Prozent angegeben [García-Gavín et al., 2012; Casciola et al., 2026]. Bei Patienten, die unter einem allergischen Asthma bronchiale leiden, entwickeln drei bis zehn Prozent eine besondere Überempfindlichkeit auf Sulfite mit Neigung zu Bronchospasmen unterschiedlicher Ausprägung [Vally et al., 2009]. Pérusse und Kollegen zeigten jedoch, dass Steroid-abhängige Asthmatiker ein zehnfach höheres Risiko für eine Sulfit-Überempfindlichkeit zeigten als nicht Kortison-abhängige Asthmatiker (8,4 Prozent versus 0,8 Prozent) [Pérusse et al., 1992]. Der Mechanismus, über den Sulfite zur Bronchokonstriktion beziehungsweise zum Asthma bronchiale führen, ist noch nicht genau bekannt. Da in Nahrungsmitteln Sulfite in wesentlich höher Konzentrationen als in Lokalanästhetika zugesetzt sind, sollte man nur beachten, dass Patienten, die eine Reaktion bei Nahrungsmitteln zeigten, möglicherweise auch bei Adrenalinhaltigen Lokalanästhetika überempfindlich reagieren könnten. b) Methylparabene Methyl-4-hydroxybenzoat (Methylparaben) ist ein bakteriostatisches Fungizid und wird nur noch bei Mehrfachentnahmeflaschen für Lokalanästhetika als Konservierungsstoff eingesetzt. Indenüblichen20-ml-Flaschenist1mg des Konservierungsstoffs enthalten. Aufgrund des zusätzlichen Allergierisikos von Methylparaben [Kajimoto et al., 1995; Decloux und Ouanounou, 2020] gelten Mehrfachentnahmeflaschen eher nicht als empfehlenswert [Kämmerer, 2024]. In vielen Ländern wie den USA und Skandinavien sind diese Zubereitungen nicht mehr erhältlich. Fazit für die Praxis Eine echte Allergie auf den Wirkstoff Articain ist äußerst selten, aber möglich. Nur vor dem Hintergrund einer differenzierten Anamnese und mit einer standardisierten allergologischen Diagnostik sind solche Allergien tatsächlich nachweisbar. Bei der Untersuchung auf Unverträglichkeiten ist zu beachten, dass Adrenalin-haltige Lokalanästhetikazubereitungen und Mehrfachentnahmeflaschen neben dem Lokalanästhetikum weitere Zusatzstoffe enthalten, die pseudoallergische Reaktionen hervorrufen können. Im Rahmen einer strukturierten allergologischen Abklärung und in Absprache mit den entsprechenden Fachstellen sollte Patienten in unklaren Fällen zur Austestung eine Adrenalin-freie, eine Adrenalin-haltige Karpule sowie gegebenenfalls eine Mehrfachentnahmeflasche mitgegeben werden. Patienten, bei denen eine ArticainAllergie nachgewiesen wurde, können alternativ mit Lidocain oder Mepivacain betäubt werden. Patienten, die auf die Zusatzstoffe reagieren, sollten möglichst mit Adrenalin-freien Zubereitungen anästhesiert werden. n PD Dr. Dr. Frank Halling Lehrbeauftragter Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Universitätsklinik Marburg Baldingerstr., 35043 Marburg Foto: privat PD Dr. Dr. Axel Meisgeier Oberarzt Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Universitätsklinik Marburg Baldingerstr., 35043 Marburg Foto: Universitätsmedizin Marburg ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden. Univ.-Prof. Dr. Dr. Peer W. Kämmerer, MA, FEBOMFS Leitender Oberarzt/ Stellvertr. Klinikdirektor Klinik und Poliklinik für Mund-, Kieferund Gesichtschirurgie – Plastische Operationen, Universitätsmedizin Mainz Augustusplatz 2, 55131 Mainz Foto: Kämmerer
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=