66 | GESELLSCHAFT zm116 Nr. 06, 16.03.2026, (444) im Bereich der Zahnmedizin. Zwar werden jährlich etwa 400 Zahnärztinnen und Zahnärzte approbiert, jedoch finden viele keine adäquate Anstellung. Gleichzeitig sind zahnärztliche Behandlungen, gemessen am durchschnittlichen Einkommen, für große Teile der Bevölkerung kaum bezahlbar, da kassenärztliche Strukturen fehlen. Hinzu kommen erhebliche Defizite in der Fort- und Weiterbildung: Eine fachzahnärztliche Spezialisierung findet praktisch nicht statt, was sich im fachlichen Austausch mit den lokalen Kolleginnen und Kollegen widerspiegelt. Die Zahnmedizin befindet sich vielfach noch in einer kurativen Phase, während westliche Gesundheitssysteme längst präventiv ausgerichtet sind. Diese strukturellen Defizite zeigen sich unmittelbar im klinischen Alltag. Der Stellenwert der Zahngesundheit ist – auch bedingt durch die langjährige Krisensituation – deutlich geringer als in westlichen Ländern. In Kombination mit einer zuckerreichen Ernährung weisen bereits Kinder häufig ausgeprägte kariöse Läsionen auf. Die unbehandelten Entzündungen und der oft frühzeitige Zahnverlust führen zu funktionellen Einschränkungen und erschweren spätere chirurgische Eingriffe erheblich. Der Behandlungsschwerpunkt des Einsatzes lag auf der operativen Versorgung von Kindern mit Lippen-KieferGaumenspalten, großen zystischen Läsionen sowie dysgnathiechirurgischen Fragestellungen. Gerade bei den LKG-Patientinnen und -Patienten zeigte sich die enge Verzahnung zwischen Zahnmedizin, Kieferorthopädie und Chirurgie – und gleichzeitig die strukturellen Limitationen der Behandlung in Palästina. Häufig stellten sich die Kinder mit ausgeprägter Karies, entzündlichen Veränderungen und einer fehlenden kieferorthopädischen Vorbereitung vor. Zudem fehlt eine strukturierte interdisziplinäre Zusammenarbeit, etwa mit der HNOHeilkunde und der Logopädie. Uns begegneten viele fortgeschrittene Befunde Ein Großteil dieser Behandlungen (einschließlich komplexer Spalt- und Dysgnathiechirurgie) wird staatlich nicht finanziert. Gleichzeitig fehlt es lokal an spezialisierter Expertise, sodass die wenigen vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten für viele Familien unerschwinglich sind. Entsprechend häufig finden sich fortgeschrittene Befunde: ausgeprägte Dysgnathien sowie Spaltpatientinnen und -patienten, die das ideale Operationsalter deutlich überschritten haben, beispielsweise für sprachverbessernde Eingriffe wie Velopharyngoplastiken. Hinzu kommen Komplikationen durch vorangegangene Operationen, etwa persistierende Restlöcher am Gaumen, Alveolarfisteln oder insuffiziente Kieferspaltosteoplastiken. Neben den geplanten Eingriffen ist das Team während des gesamten Einsatzes auch für Notfälle einsatzbereit. Unabhängig vom Alter der Patientinnen und Patienten werden Traumata, Abszesse oder komplexe Einzelfälle versorgt. Im aktuellen Einsatz stellte sich ein Patient mit einer ausgeprägten Ankylose im Bereich des aufsteigenden Unterkieferastes vor, die seit über einem Jahr zu einer vollständigen Kiefersperre geführt hatte. Nach fiberoptischer Intubation und operativer Lösung der Ankylose konnte eine funktionell ausreichende Mundöffnung wiederhergestellt werden. Die apparative Ausstattung vor Ort ist grundsätzlich ausreichend, erreicht jedoch nicht das Niveau westlicher Standards. Die Instrumente sind häufig stark beansprucht, teilweise korroEinsatz-Team am Frankfurter Flughafen Dr. med. dent. Nasim Ayad Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum GmbH, Klinik für Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie In der Schornau 23–25, 44892 Bochum Foto: privat Dr. med. Dr. med. dent. WalidAyad Praxisklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie / Plastische Ästhetische Operationen Windhorststr. 65, 48143 Münster Foto: Walid Ayad
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