68 | ZAHNMEDIZIN ALTERNATIVEN ZU MEMBRANEN AUF KOLLAGENBASIS Ist eine gesteuerte Knochenregeneration mit Meeresalgen möglich? Aydın Gülses, Jörg Wiltfang Die experimentell und translational ausgerichtete Forschungsgruppe der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Kiel hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit Meeresalgen als potenzieller Quelle biobasierter Polymere befasst. Wir stellen hier den aktuellen Forschungsstand vor. Resorbierbare und volumenstabile Membranen auf Kollagenbasis gelten in der Zahnmedizin als etablierter Standard für eine gesteuerte Geweberegeneration, Bindegewebsaugmentationen und Knochenaufbauverfahren. Trotz ihrer bewährten klinischen Anwendung bestehen weiterhin gewisse Herausforderungen: So lässt sich die potenzielle Prionenbelastung tierischer Materialien theoretisch nicht vollständig ausschließen, die Herstellungsprozesse sind mit entsprechendem Aufwand verbunden – und auch ethische Fragestellungen rücken zunehmend in den Fokus. Zudem können individuelle religiöse oder weltanschauliche Überzeugungen von Patientinnen und Patienten in Einzelfällen Einfluss auf die Materialpräferenz nehmen. Diese Aspekte verdeutlichen ein wachsendes Interesse an nachhaltigen, Tierprodukt-freien Alternativen, die sowohl biologisch leistungsfähig als auch wirtschaftlich darstellbar und gesellschaftlich breit akzeptiert sind. Vor diesem Hintergrund wurden pflanzen- und marinenbasierte Biomaterialien in den vergangenen Jahren vermehrt als mögliche Alternativen untersucht. Ziel der Studien der Kieler Forschungsgruppe war es, Meeresalgen als Quelle biobasierter Polymere systematisch zu untersuchen, geeignete Arten mit günstigen biologischen Eigenschaften zu identifizieren und in PLA-Komposite für eine potenzielle klinische Anwendung zu integrieren. Eine echte Alternative zu Kollagenmembranen? In der ersten Studie [Sayin et al., 2020] wurden fünf marine Algenarten — Corallina elongata, Galaxaura oblongata, Cystoseria compressa, Sargassum vulgare und Stypopodium schimperi — aus dem Mittelmeer bei Antalya und Iskenderun (Türkei) gesammelt, gereinigt, getrocknet und zu Meeresalgen(MAP)-PLA-Membranen verarbeitet. Zytokompatibilitätstests zeigten, dass alle Membranen zellverträglich waren. Besonders hervorzuheben war, dass Sargassum-vulgare-PLA (Typ IV) die Proliferation von Osteoblasten über alle Referenzgruppen hinweg förderte. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Meeresalgen-basierte Membranen eine praktikable, Tierprodukt-freie Alternative zu Kollagenmembranen für eine gesteuerte Geweberegeneration, Bindegewebsaugmentation und Wundheilung darstellen könnten. Abbildung 1 zeigt die gesammelten Arten sowie das Herstellungsschema der MAP-PLA-Membranen. Bei Osteosarkomzellen potenziell tumorhemmend Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wurde die selektive Wirkung von Sargassum-vulgare-PLA-Patches auf Osteosarkomzellen (SaOS-2) untersucht [Veziroglu et al., 2021]. Während die Proliferation humaner Osteoblasten (HOBs) unverändert hoch blieb, zeigte sich bei den SaOS-2-Zellen eine signifikant reduzierte Zellproliferation. Der zugrunde liegende Mechanismus scheint in der Störung der Filopodien zwischen den Tumorzellen zu liegen, was die Zell-zu-Zell-Kontakte reduziert. Diese Ergebnisse lassen vermuzm116 Nr. 06, 16.03.2026, (446) Prof. Dr. Aydın Gülses Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Plastische Operationen, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel Arnold-Heller-Str. 3, 24105 Kiel Foto: Marcus Berendes UKSH-MKG Prof. Dr. Dr. Jörg Wiltfang Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Plastische Operationen, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel Arnold-Heller-Str. 3, 24105 Kiel Foto: privat ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden.
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