Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 6

74 | zmSTARTER zm116 Nr. 06, 16.03.2026, (452) ERFAHRUNGSBERICHT ZUR AUSLANDSFAMULATUR Zahnmedizin jenseits der Komfortzone Ulrike Würpel Schon lange wollte ich einmal über meine Grenzen hinausgehen – geografisch wie beruflich. Eine Famulatur bot mir dazu die Chance. Dabei habe ich vor allem im Ausland eine andere und tiefe Sinnhaftigkeit im eigenen Tun gefunden, die mich bis heute jeden Tag bei meiner Arbeit in der Heimat begleitet. Inzwischen war ich in Peru, Jamaika und der Dominikanische Republik. Alle Einsätze liefen über NGOs, meist unter deutscher Leitung mit lokalen Partnerorganisationen. Was nach Struktur und Sicherheit klingt, bedeutet in der Realität: selbst zahlen, selbst organisieren, selbst Verantwortung übernehmen. Eine finanzielle Unterstützung über den zahnmedizinischen Austauschdienst (ZAD) ist für Studierende zwar möglich, aber keineswegs garantiert. Sie hängt – wie bei vielen Einrichtungen – von Budgets, von den Antragszahlen und manchmal schlicht vom richtigen Zeitpunkt ab. Bei meiner ersten Famulatur in der Dominikanischen Republik hatte ich Glück: Ich bekam ein Stipendium der apoBank-Stiftung, die Medizin- und Zahnmedizinstudierende bei ausgewählten sozialen Projekten mit bis zu 1.000 Euro unterstützt (siehe Kasten). Ob ein Antrag bewilligt wird, entscheidet ein Gremium, das nur wenige Male im Jahr tagt, die Vorlaufzeiten sind entsprechend groß. Die Zusage minderte den finanziellen Druck, doch bis zum Abflug blieb noch viel zu tun. Denn eine Auslandsfamulatur verlangt vor allem Eigeninitiative, Geduld und einen langen Atem. Ist die Teilnahme am Wunschprojekt bestätigt und ein passender Zeitraum gefunden, folgen die Flugbuchung, die Routenplanung und die Suche der Unterkunft. Bei den meisten Projekten liegt die Organisation der Famulatur in kompletter Eigenverantwortung und -finanzierung. Wie viel Zahnmedizin passt eigentlich in einen Koffer? Der wohl aufwendigste und langwierigste Prozess ist allerdings die Beschaffung von Spendenmaterialien, Instrumenten sowie zahnmedizinischen und humanitären Verbrauchsgütern. Die Rückmeldung der Firmen und Vereine ist dabei leider oft ernüchternd. Viele E-Mails bleiben unbeantwortet, andere enden in höflichen Absagen, weil die Nachfrage schlicht zu hoch ist. Bei der ganzen Organisation und den Vorbereitungen neben dem Studium habe ich mich dann doch gefragt: Ist es diesen Stress wert? Umso dankbarer war ich für Menschen, die mich in dieser Phase unterstützt haben. In meinem Fall war das Tobias Bauer von DIANO e.V. Er half mir nicht nur bei der Beschaffung der Materialien, die vor Ort wirklich gebraucht werden, sondern auch bei der Organisation der Flüge, die allein wohl deutlich komplizierter und teurer geworden wären. Spätestens im Flieger schleicht sich neben Mut und Stolz auch ein Gefühl der Angst ein. Der Respekt davor, Leid zum ersten Mal wirklich zu erleben. Zu begreifen, wie sich weltpolitische Strukturen und Geschichte auf ein Land und seine Bevölkerung auswirken können und die Machtlosigkeit, die einen dann überfällt. Zahnmedizin ist in vielen Teilen der Welt kein Bestandteil des Versorgungssystems, sondern ein seltenes Ereignis. Ein Eingriff, der nicht nur Schmerzen lindert, sondern auch Würde zurückgibt. Zum ersten Mal so richtig klar wurde mit das im Rahmen meiner FamulaGruppenfoto mit Kindern in der Gemeinde Barrio Blanco Cabarete (Dominikanische Republik): Links im Bild sind meine zahnärztliche Kollegin Vanessa Hinterschuster und ich. Generationsübergreifende Behandlung in Carbarete (Dominikanische Republik) Fotos: Ulrike Würpel

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