Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 7

28 | POLITIK zm116 Nr. 07, 01.04.2026, (502) DIE NEUEN PRODUKTE DER TABAK- UND NIKOTININDUSTRIE Wechselnde Konsummuster verschleiern die Wirkung Sabina Ulbricht Alternative Tabak- und Nikotinprodukte liegen voll im Trend, besonders unter Jugendlichen. Wie ist die aktuelle Forschungslage zu (mund-)gesundheitlichen Risiken von E-Zigaretten und Vapes und welche Maßnahmen sollte die Politik ergreifen, um den Konsum einzudämmen? Trotz der seit Jahrzehnten bekannten gesundheitsbezogenen Risiken ist das Rauchen von Tabakprodukten unter Erwachsenen in Deutschland mit einer Quote von etwa 30 Prozent nach wie vor weit verbreitet [Wolters, I. et al., 2024]. Ein Teil der sogenannten neueren Produkte, wie elektronische Zigaretten (E-Zigaretten) und Tabakerhitzer, wird derzeit von der Tabakund Nikotinindustrie auch für Zwecke der Tabakentwöhnung, vermarktet. Das dafür genutzte Argument ist das der Schadensreduzierung. Ungeachtet dessen werden, nicht zuletzt wegen der Aromenvielfalt der E-Zigaretten, insbesondere Heranwachsende und auch jene, die das Rauchen herkömmlicher Tabakprodukte für sich nicht in Betracht ziehen, angesprochen. E-Zigaretten stellen somit weitere Einstiegsmöglichkeiten in die Nikotinabhängigkeit. Eine unabhängige wissenschaftliche Forschung zu den gesundheitsbezogenen Risiken dieser Produkte, auch für die Mundgesundheit, gestaltet sich als schwierig: Zum einen unterliegt der Markt für diese heterogene Produktpalette einer rasanten Entwicklung. Zum anderen erschweren die über die Lebenszeit hinweg wechselnden Konsummuster die Ableitung der potenziell schädigenden Wirkungen für konkret eine einzelne Produktgruppe, wie etwa E-Zigaretten oder Tabakerhitzer. Die Produktvielfalt impliziert darüber hinaus höhere Anforderungen für die zahnmedizinische Versorgung: Bei der Anamnese und auch bei Folgebehandlungen sollten Konsummuster differenzierter als bislang und gegebenenfalls auch regelmäßiger erfragt werden. Dies erfordert vermutlich mehr Zeit, ist aber notwendig, da sich ein Großteil der Konsumierenden von E-Zigaretten mit der Frage „Rauchen Sie?“ gar nicht angesprochen fühlt. Noch einmal anders verhält es sich bei rauchlosen beziehungsweise Aerosolfreien Produkten wie den Nikotinbeuteln, die bislang in Deutschland nicht verkehrsfähig sind, aber bereits, gerade bei Jugendlichen, weit verbreitet sind [Hanewinkel R. et al., 2024]. Auch Beratungsgespräche mit Patientinnen und Patienten im Hinblick auf Tabak- und Nikotinabstinenz werden vermutlich, nicht zuletzt wegen des Umfangs der aktuell verfügbaren Produkte, künftig herausfordernder. Schädigungspotenzial für die Mundgesundheit Die Mundhöhle stellt die primäre Eintrittspforte für die Gesamtheit der Tabak- und Nikotinprodukte dar. Sie ist demzufolge den beim Konsum dieser Produkte potenziell freigesetzten Schadstoffen unmittelbar ausgesetzt. Für klassische Tabakprodukte (wie Zigaretten, Pfeifen und Zigarillos) sind die Risiken für die Mundgesundheit bekannt. Das Risiko für orale Erkrankungen wie Parodontitis und Karies sowie auch Zahnverlust ist bei Rauchenden verglichen mit Nichtrauchenden deutlich erhöht [Krause L. et al., 2025]. Für die neueren Nikotin- und Tabakprodukte, wie E-Zigaretten und Tabakerhitzer, sind die Erkenntnisse im Hinblick auf die Mundgesundheit dagegen noch begrenzt. Es fehlt an hochwertigen Längsschnittstudien, um kausale Wirkungen zu beschreiben. Bekannt ist für E-Zigaretten, dass das beim Verdampfen entstehende Aerosol kanzerogene Substanzen (beispielsweise Formaldehyd und Acetaldehyd) sowie auch metallische Elemente (zum Beispiel Chrom, Kupfer und Blei) enthält [Ford PJ et al., 2024; Salazar MR et al., 2025]. Die Aerosole beeinträchtigen die Interaktion zwischen Wirt und Bakterien in der Mundhöhle und stehen im Verdacht an der Entstehung von Parodontitis und Karies beteiligt zu sein [Salazar MR et al., 2025]. Mit dem KonZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden.

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