30 | POLITIK INTERVIEW MIT DR. KATRIN SCHALLER ZU RAUCHEN UND MUNDGESUNDHEIT „Deutschland fehlt ein klares politisches Bekenntnis zur Tabakprävention“ Allein in Deutschland sterben jedes Jahr etwa 131.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Wie Zahnärztinnen und Zahnärzte ihre Patienten erfolgreich zum Aufhören motivieren können und wieso auch die Tabakindustrie Fortbildungen zum Rauchstopp anbietet, erklärt uns Dr. Katrin Schaller. Sie ist Mitarbeiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) hat gemeinsam mit der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) Informationsmaterialien für Zahnarztpraxen erarbeitet. Weshalb ist das Thema Rauchen und Mundgesundheit so wichtig? Dr. Katrin Schaller: Rauchen schadet der Mundgesundheit in vielfältiger Weise. Dies betrifft vor allem Mundhöhlenkrebs, Parodontitis und eine schlechte Wundheilung. Das zahnärztliche Team kann eine wichtige Rolle bei der Initiierung und Umsetzung eines Rauchstopps spielen. Zahnarztpraxen werden von den meisten Patienten regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen aufgesucht. Bei dieser Gelegenheit können Zahnärzte und Zahnärztinnen rauchende Patienten und Patientinnen auf ihr Rauchverhalten ansprechen und auf die durch das Rauchen verursachten Schäden hinweisen. Die anschauliche Demonstration der Schäden kann unmittelbar zu einem Rauchstopp motivieren. Das ganze zahnärztliche Team sollte auf die Vorteile hinweisen und betonen, dass es die Chance für einen langfristig erfolgreichen Rauchstopp deutlich erhöht, wenn man dabei evidenzbasierte Unterstützung in Anspruch nimmt. Was steckt dahinter, wenn Philip Morris International (PMI) das Ende der Zigarette ankündigt und massiv in „Alternativprodukte“ investiert? Ist die Zeit der Zigarette jetzt vorbei? PMI stellt zwar mit den „Alternativprodukten“ gegenüber der Öffentlichkeit die Schadensverringerung in den Vordergrund, aber das Ziel der Hersteller ist nicht in erster Linie die Verringerung von Gesundheitsschäden, sondern der Erhalt ihrer Gewinne. Die Hersteller sind von kommerziellen Interessen geleitet und getrieben von einem Umfeld, in dem Rauchen an gesellschaftlicher Akzeptanz verliert und der Verkauf von Tabakprodukten durch regulatorische Maßnahmen erschwert wird. Ziel der Unternehmen ist in erster Linie, mit den „Alternativprodukten“ den Gesamtabsatz zu erhöhen. Die Zeit der Zigarette ist noch lange nicht vorbei – das sagen die Hersteller selbst: Sie formulieren ganz klar, dass die Einnahmen durch klassische Zigaretten (ohne Angabe eines Zeitrahmens) essenzieller Teil ihres Geschäftsmodells sind. Stimmen denn die Marketing-Slogans zur Schadensverringerung überhaupt. Was ist hier Stand der Forschung? Die aktuelle Studienlage lässt keine verlässliche Aussage zu den Auswirkungen des Gebrauchs von E-Zigaretten oder Tabakerhitzern auf die Mundgesundheit zu. Die vorhandenen Studien deuten darauf hin, dass der Gebrauch dieser Produkte die Mundgesundheit negativ beeinflussen könnte, allerdings in deutlich geringerem Ausmaß als das Rauchen. Was empfehlen Sie im Umgang mit Patienten, die diese Nikotinprodukte nutzen? Die klare Empfehlung für eine gute Mundgesundheit ist: weder rauchen noch sogenannte Alternativprodukte verwenden. Rauchenden Menschen, die auf E-Zigaretten oder Tabakerhitzer umsteigen möchten, sollte das zahnärztliche Team empfehlen, vollständig umzusteigen und komplett mit dem Rauchen aufzuhören. Und Menschen, die schon E-Zigaretten oder Tabakerhitzer verwenden, sollte das Team raten, langfristig jeglichen Gebrauch einzustellen. Für einen Rauchstopp sollte zur Unterstützung eine leitliniengerechte Tabakentwöhnungstherapie empfohlen werden. Das WHO-Tabakrahmenübereinkommen verpflichtet Staaten dazu, ihre Gesundheitspolitik vor dem Einfluss der Tabakindustrie zu schützen, weil deren Interessen im Widerspruch zum öffentlichen Gesundheitsinteresse stehen. Deutschland hat dieses Abkommen doch unterzeichnet … … setzt es aber nur sehr zögerlich um. Im europäischen Vergleich belegt Deutschland in der Tabakprävention seit Jahrzehnten einen der letzten Plätze. Auch bei den Maßnahmen gegen die Lobbyarbeit der Tabakindustrie schneidet Deutschland schlecht ab. Es gibt hierzulande keinen Verhaltenskodex für an der Regierung beteiligte Personen zum Umgang mit der Tabakindustrie. Die Tabakindustrie versucht durch Lobbyarbeit, persönliche Treffen, die Beteiligung an politischen Netzwerken, EinDr. Katrin Schaller, von der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg Foto: Jutta Jung_DKFZ zm116 Nr. 07, 01.04.2026, (504)
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