Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 7

34 | POLITIK FACHTAGUNG KRITIS IN BERLIN Es fehlt noch eine Gesamtstrategie – gegen die multiplen Krisen Wie lässt sich das Gesundheitswesen besser auf Krisen und einen möglichen Verteidigungsfall vorbereiten? Darüber diskutierten Expertinnen und Experten aus Politik, Bundeswehr, Wissenschaft und Gesundheitswesen bei der Fachtagung KRITIS am 5. März in Berlin-Marzahn. Eingeladen hatte das Netzwerk Gesundheitsstadt Berlin in Kooperation mit dem BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (ukb). Wie verletzlich Deutschland schon jetzt ist, machte Dr. Claudia Major, Senior Vice President für Transatlantische Sicherheitsinitiativen beim German Marshall Fund, deutlich. Neben dem Klimawandel und Naturkatastrophen bedrohten Cyberattacken, Sabotage und Kriege die Sicherheit und die Infrastruktur. Die technologische Abhängigkeit mache das Land immer erpressbarer. Zwar gebe es mittlerweile einen „Operationsplan Deutschland“, dennoch hinke die Bundesrepublik in Sachen Resilienz hinterher. „Eine klare Trennung zwischen Krieg und Frieden gibt es nicht mehr. Der Graubereich dehnt sich aus“, beschrieb die Sicherheitsexpertin die aktuelle Lage. Sie sprach von einer „Verrohung der internationalen Beziehungen“. Deutschland müsse sich in einer Welt behaupten, in der es nicht mehr um Kompromisse gehe, sondern in der Interessen mit militärischer Gewalt durchgesetzt werden. Russland könne 2029 in der Lage sein, Europa anzugreifen. „Bis dahin müssen wir verteidigungsfähig sein. Wir müssen das Signal senden, dass sich ein Angriff nicht lohnt“, mahnte Major. Deutschland fehlt einfach die Resilienz Wichtig sei, dass eine verbindliche „Health Security Strategie“ für ganz Deutschland entwickelt wird, betonte Dr. Iris Hauth, Vorsitzende von Gesundheitsstadt Berlin e.V. „Eine verlässliche medizinische Versorgung ist unverzichtbar für die staatliche Handlungsfähigkeit und Teil der gesamtstaatlichen Verteidigung. Dafür brauchen wir klare Zuständigkeiten, eine verlässliche Finanzierung und eine verbindliche Vernetzung zwischen ziviler Versorgung und militärischem Sanitätsdienst“, sagte Hauth. Der vorsitzende Geschäftsführer der BG Kliniken Reinhard Nieper berichtete, dass der von ihm geleitete Klinikverbund bereits vielfältige Beziehungen mit der Bundeswehr pflege. Beim Neubau von drei Kliniken werde die Krisentauglichkeit schon mitgeplant. Das Gesundheitssystem sei allerdings noch zu fragmentiert. „Wir brauchen klarere Vorgaben, mehr Regie und zentrale Steuerungsmöglichkeiten“, forderte Nieper. Laut Prof. Dr. Leif Erik Sander, Koordinator der AG „Health Security“ und Direktor der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin der Berliner Charité, hat sich das „Mindset“ beim Thema Krisenresilienz bereits stark verändert. Aber auch er monierte die fehlende zentrale Steuerung des Systems. Deutschland setze doppelt so viele Ressourcen ein wie Israel, sei aber nicht besser. Zudem müsse Deutschland vom „Regelungsdschungel“ wegkommen. „Wir brauchen eine gesamtstaatliche Strategie für Gesundheitssicherheit“, mahnte Sander. Beispielsweise müssten die Zuständigkeiten der Länder klar festgelegt werden. Die Zuständigkeiten sind noch unklar Bislang fehle außerdem die gesetzliche Grundlage für die Erhebung wichtiger Daten, betonte Dr. Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege des Landes Berlin. Dabei gehe es beispielsweise darum, wer für was zuständig ist und wie viel Personal im Krisenfall zur Verfügung steht. Wer entscheidet, wer bevorzugt behandelt wird? Welche Ansprechstellen gibt es im Krisenfall? Auch das müsse geklärt werden. Czyborra wies darauf hin, dass Berlin als erstes Bundesland einen Plan entwickelt und schon viele Übungen an Krankenhäusern durchgeführt habe. So hatte die Berliner Senatsverwaltung im Juli 2025 den Rahmenplan „Zivile Verteidigung Krankenhäuser“ vorgelegt. Mit dem Plan erhalten zwölf Berliner Krankenhäuser die Aufgabe, sich auf einen Krisenfall vorzubereiten. Dazu gehört auch die Frage, welches Personal im Krisenfall verfügbar ist und welche Kapazitäten die Häuser haben. Aber nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch der ambulante Sektor sei im Krisenfall wichtig. „Ohne den niedergelassenen Bereich geht gar nichts“, zm116 Nr. 07, 01.04.2026, (508) „Eine verlässliche medizinische Versorgung ist unverzichtbar für die staatliche Handlungsfähigkeit und Teil der gesamtstaatlichen Verteidigung.“ Dr. Iris Hauth, Vorsitzende von Gesundheitsstadt Berlin e.V.

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