Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 7

38 | ZAHNMEDIZIN kommt zu dem Schluss, dass es aufgrund der begrenzten Qualität und der Heterogenität der verfügbaren Studien keine belastbaren Aussagen zur Überlegenheit eines bestimmten Retainers gibt [Littlewood et al., 2023]. Gleichzeitig wird betont, dass eine Retention grundsätzlich notwendig ist, um das Ausmaß von Rezidiven zu reduzieren. Langzeitbeobachtungen verdeutlichen zudem, dass Zahnbewegungen auch Jahre nach Abschluss der aktiven Therapie auftreten können. Diese betreffen insbesondere die Frontzahnsegmente, wobei geringgradige Engstandrezidive und Rotationen am häufigsten beschrieben werden. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass solche Veränderungen nicht ausschließlich als „Therapieversagen“ zu interpretieren sind, sondern teilweise Ausdruck physiologischer, altersabhängiger Veränderungen des Zahnbogens darstellen. Retentionskonzepte im klinischen Alltag Nach Abschluss der aktiven kieferorthopädischen Therapie stehen in der Praxis im Wesentlichen zwei große Kategorien von Retentionsmaßnahmen zur Verfügung: herausnehmbare Retainer und festsitzende (bonded) Retainer. Beide verfolgen dasselbe Ziel – die Stabilisierung des Behandlungsergebnisses –, unterscheiden sich jedoch deutlich in Konstruktion, Handhabung, Effektivität und den Anforderungen an den Patienten. Herausnehmbare Retainer Herausnehmbare Retainer werden nach Abschluss der aktiven Therapie häufig eingesetzt, weil sie dem Patienten eine gute Hygienemöglichkeit lassen und keine permanente Fremdkörperbelastung darstellen. Die gebräuchlichsten Varianten sind: n Thermoplastische Schienen (Vacuum-Formed Retainers, VFRs) n Hawley-Retainer mit Drahtklammer und Kunststoffbasis Für herausnehmbare Retainer liegen mehrere randomisierte und nichtrandomisierte Studien vor, die eine zufriedenstellende kurzfristige Stabilität belegen – sofern die Geräte konsequent getragen werden. Über längere Beobachtungszeiträume nimmt die Stabilität jedoch häufig ab, was primär auf eine nachlassende Patientencompliance zurückgeführt wird. In klinischen Vergleichsanalysen zwischen thermoplastischen und klassischen Hawley-Retainern wurden bei ausreichender Tragezeit keine signifikanten Unterschiede in der Aufrechterhaltung der Zahnstellung festgestellt. Die Evidenz deutet jedoch darauf hin, dass bereits geringe Abweichungen vom empfohlenen Trageprotokoll insbesondere in der Unterkieferfront zu messbaren Positionsveränderungen führen können. Schon bei Tragezeiten von weniger als etwa acht bis neun Stunden täglich nahm die Stabilität ab, vor allem in den ersten Monaten nach Abschluss der aktiven Therapie [Inchingolo et al., 2023]. Diese Abhängigkeit von der Mitarbeit stellt eine zentrale Limitation herausnehmbarer Retentionskonzepte dar. Ohne konsequentes Tragen reduzieren sich die erzielten Stabilitätseffekte deutlich. Herausnehmbare Gerätekonzepte haben aber den Vorteil, dass sie eine umfassendere palatinale Abdeckung des Zahnbogens bieten können, was theoretisch auch die Stabilität palatinaler Ausdehnungen unterstützen kann – ein Aspekt, der in einigen Metaanalysen bestätigt wurde [Hussain et al., 2024]. Festsitzende Retainer Festsitzende Retainer bestehen typischerweise aus einem lingual angebrachten Draht, der mit Komposit auf den Zähnen befestigt wird. Sie werden am häufigsten im Unterkiefer von Eckzahn zu Eckzahn angewendet und dienen dazu, die frontalen Zahnsegmente dauerhaft zu stabilisieren. Bei einer Gefahr der Derotation der Eckzähne, ist eine Befestigung von vier bis vier indiziert. Festsitzende Retainer wurden in mehreren klinischen Studien und systematischen Reviews mit einer höheren Stabilität der unteren Frontzähne in Verbindung gebracht. Insbesondere bei Beobachtungszeiträumen von fünf Jahren und mehr zeigen sich geringere Rezidivraten im Vergleich zu herausnehmbaren Retainern, sofern der Draht intakt bleibt und regelmäßig kontrolliert wird [Krämer et al., 2023]. In randomisierten Vergleichen und systematischen Reviews wurde festgestellt, dass festsitzende Retainer insbesondere die Lage der unteren Inzisiven langfristiger stabil halten können als VFRs [Bahije et al., 2018]. Allerdings ist auch hier die Datenlage nicht frei von Einschränkungen. Viele Studien weisen relativ kleine Fallzahlen auf und die Retentionsprotokolle sind nicht standardisiert. Zudem wird in mehreren Arbeiten darauf hingewiesen, dass selbst bei dauerhaft getragenen festsitzenden Retainern leichte Positionsveränderungen auftreten können – was erneut die Grenzen mechanischer Stabilisierung unterstreicht. zm116 Nr. 07, 01.04.2026, (512) Abb. 2: Traditionelle Retentionsplatten (hier für den Unterkiefer) sind aufgrund fehlender Compliance oftmals wirkungslos bei jungen Erwachsenen. Zudem wird eine nur ungenügende Derotations-Retention – insbesondere im Frontzahnbereich – erzielt. Foto: Kranert ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden.

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