ZAHNMEDIZIN | 39 Zudem sind auch festsitzende Retainer nicht frei von Komplikationen. Sie können brechen oder sich von der Zahnoberfläche lösen, was eine kontrollierte Nachsorge erfordert. Studien berichten in manchen Fällen über nicht unerhebliche Failure-Raten (Debonding, Drahtfrakturen), die im Beobachtungszeitraum von mehreren Monaten bis zu mehreren Jahren auftreten können [AlMoghrabi et al., 2016]. Vergleich der Retainer und klinische Einordnung Vergleichende Studien zwischen festsitzenden und herausnehmbaren Retainern zeigen insgesamt ein inkonsistentes Bild. Während einige Arbeiten eine bessere Stabilität festsitzender Retainer insbesondere im Unterkiefer belegen, finden andere keinen signifikanten Unterschied oder verweisen auf die hohe Variabilität individueller Verläufe. Ein zentrales Problem der aktuellen Evidenz ist die fehlende Standardisierung von Erfolgskriterien. Unterschiedliche Messmethoden, variable Definitionen von „Rezidiv“ sowie unterschiedliche Beobachtungszeiträume erschweren die Zusammenfassung der Ergebnisse. Hinzu kommt, dass viele Studien keine unbehandelte Kontrollgruppe berücksichtigen, sodass physiologische Zahnbewegungen nicht eindeutig von therapiebedingten Effekten getrennt werden können. Die Mehrheit der verfügbaren Arbeiten zeigt dabei folgendes Gesamtbild: n Festsitzende Retainer sind insbesondere zur Stabilisierung der unteren Frontzähne langfristig wirksam und unabhängig von der Patientencompliance. n Herausnehmbare Retainer können ähnliche Ergebnisse in der Stabilität erzielen, erfordern jedoch eine konsequente Tragedisziplin. n Es gibt keine belastbaren Hinweise, dass ein spezifischer Retainer-Typ in allen Situationen überlegen wäre; oft hängt die Wahl von individuellen klinischen Faktoren ab. n Die Methodik in vielen Studien ist unterschiedlich, sodass klare Metaanalysen und hochqualitative RCTs weiterhin fehlen [Bahije et al., 2018] n Eine Retention kann das Ausmaß posttherapeutischer Zahnbewegungen reduzieren, eine vollständige Stabilität jedoch nicht garantieren. In der Praxis bedeutet das: Eine individualisierte Entscheidung basierend auf dem Behandlungsziel, der Patientenmotivation, dem parodontalen Befund und der Risikoabwägung ist sinnvoller als ein genereller „Einheitsstandard“. Grundsätzlich gibt es keinen Hinweis auf Präferenzen im Material des Retainers, allerdings hat sich bisweilen ein Mehrfachdraht-verseilter, flexibler Retainerdraht in der KFO-Gemeinschaft durchgesetzt. Dem Problem der Derotation von Eckzähnen wird dabei vermehrt mit Retainern von vier bis vier begegnet. Ein zusätzlicher Vorteil dieses Drahttyps ist die Möglichkeit der digitalen Gestaltung und der damit möglichen robotergestützten Anfertigung mittels eines „Benders“. Komplikationen und Risiken der Retention Neben der Frage der Stabilität müssen Retentionskonzepte stets auch unter dem Aspekt möglicher Nebenwirkungen und Komplikationen betrachtet werden. Diese betreffen sowohl mechanische Probleme als auch Auswirkungen auf die Mundhygiene und die parodontale Gesundheit und sind für die klinische Entscheidungsfindung von zentraler Bedeutung. Mechanische Komplikationen festsitzender Retainer Festsitzende Retainer sind grundsätzlich als langlebige und effektive Retentionsgeräte konzipiert, jedoch nicht frei von technischen Problemen. In klinischen Studien werden regelmäßig Debondings, Drahtfrakturen oder partielle Ablösungen beschrieben. Die berichteten Ausfallraten variieren erheblich und liegen je nach Studiendesign und Beobachtungszeitraum zwischen etwa zehn Prozent und über 30 Prozent innerhalb mehrerer Jahre. Zachrisson beschreibt in einer klinischen Langzeitübersicht, dass mechanische Defekte häufig schleichend auftreten und von den Patientinnen und Patienten nicht immer bemerkt werden, insbesondere wenn nur einzelne Klebepunkte betroffen sind [2014]. Dies kann dazu führen, dass unkontrollierte Zahnbewegungen stattfinden, obwohl formal noch ein Retainer vorhanden ist. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit regelmäßiger klinischer Kontrollen, um Defekte frühzeitig zu erkennen und zu beheben. AuchdieDrahtkonfigurationspielteine Rolle: Mehrdrähtig-verseilte, flexible Retainerdrähte zeigen zwar eine gute Anpassungsfähigkeit, werden aber in einzelnen Arbeiten mit einem höheren Risiko für unbemerkte Zahnbewegungen bei partiellem Debonding in Verbindung gebracht. Die Evidenz dazu ist jedoch uneinheitlich und erlaubt derzeit keine eindeutigen Empfehlungen zugunsten eines bestimmten Drahttyps. Mundhygiene und Plaqueakkumulation Ein häufig genannter Kritikpunkt an festsitzenden Retainern ist ihr potenzieller Einfluss auf die Mundhygiene. Mehrere Studien berichten über eine erhöhte Plaque- und Konkrementakkumulation im Bereich lingual befestigter Retainer, insbesondere im Unterkieferfrontsegment. Systematische Reviews zeigen, dass bei Patientinnen und Patienten mit festsitzenden Retainern im Vergleich zu herausnehmbaren Retentionsgeräten höhere Plaqueindizes gemessen zm116 Nr. 07, 01.04.2026, (513) Abb. 3: Erfahrungsgemäß erzielen durchsichtige Tiefziehschienen (Miniplastschienen) eine höhere Akzeptanz als traditionelle Retentionsplatten. Foto: Kranert
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