40 | ZAHNMEDIZIN werden können [Arnold et al., 2016; Tynelius et al., 2013]. Diese Befunde werden jedoch nicht einheitlich mit einer klinisch relevanten Verschlechterung des parodontalen Status gleichgesetzt. Parodontale Effekte – was ist belegt, was nicht? Die Frage, ob festsitzende Retainer langfristig zu parodontalen Schäden führen, wird in der Literatur kontrovers diskutiert. Während einzelne Studien erhöhte Gingivitisraten oder lokalisierte Entzündungszeichen beschreiben, kommen systematische Übersichten überwiegend zu dem Schluss, dass keine eindeutigen Hinweise auf schwerwiegende parodontale Langzeitschäden vorliegen, sofern eine angemessene Mundhygiene eingehalten wird. Ein systematisches Review von Arnold et al. fand zwar Hinweise auf erhöhte Plaque- und Gingivaindizes bei festsitzenden Retainern, jedoch keine konsistenten Belege für einen signifikanten Attachmentverlust [2016]. Ähnliche Ergebnisse berichten Tynelius et al., die betonen, dass parodontale Veränderungen stark von individuellen Hygienefaktoren und der regelmäßigen zahnärztlichen Betreuung abhängen [2013]. Damit ergibt sich ein differenziertes Bild: Festsitzende Retainer stellen keinen per se parodontalschädigenden Faktor dar, erhöhen jedoch die Anforderungen an die häusliche Mundhygiene und an die professionelle Nachsorge. Bei Patientinnen und Patienten mit eingeschränkter Mundhygienefähigkeit oder einer parodontalen Vorschädigung ist dieser Aspekt besonders sorgfältig zu berücksichtigen. Komplikationen herausnehmbarer Retainer Herausnehmbare Retainer sind mit deutlich geringeren Risiken für eine Plaqueakkumulation verbunden, weisen jedoch andere Limitationen auf. Neben dem Verlust, der Beschädigung oder der Verformung der Geräte stellt vor allem die abnehmende Tragedisziplin über die Zeit ein relevantes Problem dar. Studien zeigen, dass die tatsächliche Tragedauer häufig deutlich unter den empfohlenen Werten liegt, insbesondere mehrere Jahre nach Behandlungsabschluss. Diese Form der „funktionellen Komplikation“ kann klinisch ebenso relevant sein wie ein technischer Defekt, da sie zu unkontrollierten Zahnbewegungen führt, ohne dass dies unmittelbar bemerkt wird. Klinische Relevanz und Risikoabwägung Aus klinischer Sicht ist festzuhalten, dass kein Retentionskonzept frei von Risiken ist. Während festsitzende Retainer mit einem höheren Potenzial für eine Plaqueakkumulation und mechanische Defekte einhergehen, sind herausnehmbare Retainer primär durch ihre Abhängigkeit von der Patientencompliance limitiert. Für die Praxis ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer individualisierten Risikoabwägung, die neben der gewünschten Stabilität auch parodontale Ausgangsbefunde, die Hygienefähigkeit und die Bereitschaft zur regelmäßigen Nachsorge berücksichtigt. Insbesondere bei ästhetisch sensiblen Frontzahnstellungen kann der Nutzen festsitzender Retainer die potenziellen Risiken überwiegen, sofern eine strukturierte Kontrolle gewährleistet ist. Patientencompliance und klinische Relevanz Die Wirksamkeit eines Retentionskonzepts hängt in der klinischen Realität nicht allein von seiner biomechanischen oder biologischen Eignung ab, sondern in erheblichem Maß von der Mitarbeit der Patientin beziehungsweise des Patienten. Insbesondere bei herausnehmbaren Retentionsgeräten stellt die Compliance einen der entscheidenden Einflussfaktoren auf die Langzeitstabilität dar. Mehrere Übersichtsarbeiten weisen darauf hin, dass die tatsächliche Tragedauer herausnehmbarer Retainer im klinischen Alltag häufig deutlich unter den empfohlenen Werten liegt. Während in kontrollierten Studien definierte Tragezeiten eingehalten werden, zeigt sich in der Praxis ein kontinuierlicher Rückgang der Compliance mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur aktiven Behandlung [Littlewood et al., 2016]. Dieser Effekt ist unabhängig vom Alter zu beobachten, er betrifft sowohl Jugendliche als auch Erwachsene. Aus klinischer Sicht ist dabei relevant, dass bereits geringfügige Unterschreitungen der Tragedauer zu messbaren Positionsveränderungen führen können, insbesondere im Bereich der Unterkieferfront. Diese Veränderungen werden von den Patientinnen und Patienten häufig erst spät wahrgenommen – wenn bereits ein sichtbarer ästhetischer Verlust eingetreten ist. Unterschiedliche Anforderungen je nach Retainer-Typ Festsitzende Retainer umgehen das Problem der aktiven Mitarbeit weitgehend, da sie eine kontinuierliche Stabilisierung unabhängig vom Patientenverhalten ermöglichen. Gerade im ästhetisch sensiblen Frontzahnbereich ist dies ein wesentlicher Vorteil. Die klinische Relevanz zeigt sich insbesondere bei Patientinnen und Patienten, zm116 Nr. 07, 01.04.2026, (514) Abb. 4: Der derzeitige „Goldstandard“ – am Stuhl oder am aktuellen Modell vorgefertigte Retainer aus mehrfach verseiltem Nickeltitan oder Weißgold-Runddraht, möglichst nah an der dento-gingivalen Grenze mit versäuberten Klebestellen adhäsiv befestigt, um Aufbissprobleme im Oberkiefer oder Zungenirritationen zu minimieren und trotzdem eine gründliche Interdentalraumpflege zu ermöglichen: Bei Derotationsgefahr, insbesondere bei vorherigem Engstand, ist gegebenenfalls eine Ausdehnung auf die Vierer geboten. Fotos: Kranert
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=