ZAHNMEDIZIN | 41 die beruflich oder sozial stark eingebunden sind und eine langfristige tägliche Tragedisziplin realistischerweise nicht einhalten können. Diese Diskrepanz zwischen theoretischer Wirksamkeit und praktischer Umsetzung erklärt, warum herausnehmbare Retainer in Studien gute Ergebnisse erzielen können, im klinischen Alltag jedoch häufiger mit Rezidiven assoziiert sind. Ein weiterer Aspekt der Compliance betrifft die subjektive Wahrnehmung der Retention. Für viele Patientinnen und Patienten endet die kieferorthopädische Behandlung mit dem Entfernen der Apparatur. Die Notwendigkeit einer langfristigen oder sogar lebenslangen Retention wird häufig unterschätzt oder als unangemessene Verlängerung der Therapie empfunden. Dies kann die Bereitschaft zur Mitarbeit negativ beeinflussen. Studien zur Patientenzufriedenheit zeigen jedoch, dass eine stabile ästhetische Frontzahnstellung einen der wichtigsten Prädiktoren für die langfristige Zufriedenheit mit der Behandlung darstellt [Zachrisson, 2014]. Retentionsmaßnahmen, die dieses Ergebnis zuverlässig sichern, können daher indirekt auch die Akzeptanz erhöhen – insbesondere dann, wenn sie mit minimalem Aufwand für die Patientinnen und Patienten verbunden sind. Klinische Konsequenzen für die Praxis Für die zahnärztliche Praxis ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Retentionsentscheidungen sollten nicht ausschließlich auf theoretischer Evidenz beruhen, sondern die realistische Umsetzbarkeit im Alltag berücksichtigen. Bei Patientinnen und Patienten mit hohem ästhetischem Anspruch, eingeschränkter Tragedisziplin oder erhöhtem Rezidivrisiko kann der Einsatz festsitzender Retainer eine klinisch sinnvolle und pragmatische Lösung darstellen und ist alternativlos für die Stabilisierung des ästhetischen Frontzahnbereichs. Gleichzeitig bleibt eine strukturierte Aufklärung essenziell. Die Patientinnen und Patienten sollten frühzeitig informiert werden, dass die Retention kein optionaler Zusatz, sondern ein integraler Bestandteil der kieferorthopädischen Therapie ist. Nur so lassen sich unrealistische Erwartungen vermeiden und langfristig stabile Ergebnisse erzielen. Lebenslange Retention – Notwendigkeit oder Dogma? Die Empfehlung einer lebenslangen Retention hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen und wird in der klinischen Praxis immer häufiger ausgesprochen. Sie beruht auf der Beobachtung, dass Zahnpositionen selbst lange nach Abschluss der aktiven kieferorthopädischen Behandlung Veränderungen unterliegen können. Dabei ist diese Empfehlung wissenschaftlich umstritten, weil sie nur begrenzt durch hochwertige Langzeitstudien abgesichert ist. Ein zentrales Argument für eine langfristige oder lebenslange Retention ist die Erkenntnis, dass Zähne keinem statischen Gleichgewicht unterliegen, sondern Teil eines sich lebenslang verändernden orofazialen Systems sind. Altersabhängige Veränderungen des Zahnbogens, physiologische Driftphänomene sowie funktionelle Einflüsse können auch ohne vorausgegangene kieferorthopädische Behandlung zu Zahnbewegungen führen. Klassische Langzeituntersuchungen zeigen, dass insbesondere die Unterkieferfront im Erwachsenenalter zu Engstand neigt, selbst bei unbehandelten Individuen [Proffit et al.,1998]. Vor diesem Hintergrund argumentieren Befürworter einer lebenslangen Retention, dass Retainer nicht primär der Sicherung eines „künstlich erzeugten“ Ergebnisses dienen, sondern der Stabilisierung einer Zahnstellung, die biologisch grundsätzlich veränderlich ist. Demgegenüber steht die Tatsache, dass die Evidenz für eine zwingende lebenslange Retention begrenzt ist. Der aktuelle Cochrane-Review zur kieferorthopädischen Retention kommt zu dem Schluss, dass aufgrund der geringen Qualität und der Heterogenität der verfügbaren Studien keine klaren Empfehlungen zur optimalen Retentionsdauer gegeben werden können [Littlewood et al., 2023]. Insbesondere prospektive Langzeitstudien mit Beobachtungszeiträumen über mehrere Jahrzehnte fehlen. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass die Retention selbst mit Risiken verbunden ist. Festsitzende Retainer können mechanische Defekte aufweisen und die Mundhygiene erschweren; herausnehmbare Retainer erfordern eine langfristige Mitarbeit der Patientinnen und Patienten. Eine pauschale Empfehlung zur lebenslangen Retention ohne individuelle Risikoabwägung kann daher zu einer Übertherapie führen. Leitlinien, Expertenmeinungen und klinische Praxis In internationalen Leitlinien zur kieferorthopädischen Retention werden die Empfehlungen überwiegend zm116 Nr. 07, 01.04.2026, (515) Abb. 5: Oberkiefer-Retainer mit Ausweichbiegung an 23 zum Ausschluss von Frühkontakten plus Segmentbogen/TPA zur Rezidivprophylaxe auch in den distalen Segmenten: Der Vorteil aus Patientensicht ist die frühere Entfernung der Multibracket-Apparatur – besonders im Frontzahnbereich. Abb. 6: OK-Retainer von 13–23 mit mehrfach verseiltem Nickeltitan-Runddraht mit fehlender Ausdehnung zu den 4ern und beginnender Derotation von 23
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