Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 17

zm116 Nr. 17, 01.09.2026, (1268) 26 | ZAHNMEDIZIN heranwachsenden Patienten dar. Während beim Erwachsenen der alloplastische Ersatz nach aktueller Evidenz als Standardverfahren gilt [Yadav al., 2021], wurde bei Kindern und Jugendlichen aufgrund des Wachstumspotenzials traditionell die Verwendung autologer Transplantate – insbesondere des costochondralen Rippenspans – bevorzugt [AWMF, 2016; AWMF, 2020; Roychoudhury et al., 2021]. Der alloplastische Kiefergelenkersatz galt in dieser Altersgruppe lange als relative Kontraindikation, da Gelenkprothesen weder über ein Wachstumspotenzial verfügen noch eine unbegrenzte Lebensdauer besitzen. Mit der Verfügbarkeit verbesserter Prothesensysteme wird diese Frage in Fachkreisen jedoch zunehmend neu diskutiert. Insbesondere bei schwerer Ankylose (wie im beschriebenen Fall), Reankylose oder gescheitertem autologem Ersatz – Situationen, in denen ein relevantes kondyläres Wachstumspotenzial ohnehin nicht mehr vorausgesetzt werden kann – wird der alloplastische Ersatz von mehreren Autoren als sichere und funktionell überlegene Therapiealternative beschrieben, wobei gegebenenfalls erforderliche Prothesenwechsel bewusst in Kauf genommen werden [Goker et al., 2022; Adhikari et al., 2024; Alba et al., 2024]. Ergänzend kann die Kombination mit einer vorgeschalteten oder simultanen Distraktionsosteogenese zur Kompensation ausgeprägter maxillomandibulärer Diskrepanzen eingesetzt werden [Kamath et al., 2020; Arnold et al., 2023]. Die funktionelle Erholung nach alloplastischem Ersatz ist nicht nur radiologisch, sondern auch elektromyografisch nachweisbar mit einer signifikanten Verbesserung der Aktivität von M. masseter und M. temporalis anterior [Singh et al., 2022]. Zu den Vorteilen des alloplastischen Verfahrens zählen die Reduktion der Operations- und Hospitalisierungsdauer, die nicht erforderliche Vaskularisierung des Transplantats, die Vermeidung einer EntnahmestellenMorbidität, die Möglichkeit einer unmittelbaren postoperativen Mobilisation sowie die präzise Korrektur stark deformierter Kiefergelenke und angrenzender Knochendefekte. Diesen Vorteilen steht die Notwendigkeit eines im Verlauf gegebenenfalls erforderlichen Prothesenwechsels gegenüber [AWMF, 2020; Rikhotso und Sekhoto, 2021]. Die durchschnittliche Lebensdauer aktueller Kiefergelenkprothesen wird auf 15 bis 20 Jahre und länger geschätzt [Johnson et al., 2017]. Langzeitergebnisse über mehr als zwei Jahrzehnte stützen die Indikationsstellung bei chronisch-destruierenden Kiefergelenkerkrankungen und autoimmunvermittelten Erkrankungen des Kiefergelenks. Eine im vorliegenden Fall relevante, wenn auch vergleichsweise seltene Komplikation stellte die postoperativ manifest gewordene Metallallergie gegen Chrom und Nickel nach Implantation einer Kobalt-Chrom-MolybdänLegierung dar. Differenzialdiagnostisch sind eine Low-grade-Infektion sowie eine mechanisch bedingte aseptische Entzündung abzugrenzen. Wolford et al. konnten in einer prospektiven Serie zeigen, dass Patienten mit nachgewiesener Metallhypersensitivität nach Umstellung auf vollständig titanbasierte mandibuläre Komponenten eine signifikante Regredienz der Beschwerden erzielen [Wolford et al., 2021]. Auch Einzelfallberichte dokumentieren eine erfolgreiche Revision mit titanbasierten Systemen nach Rezidiv unter Kobalt-Chrom-haltigen Komponenten [Rauniyar et al., 2023]. Dementsprechend wird bei anamnestisch bekannter Metallintoleranz oder bei Patienten vor Wachstumsabschluss zunehmend eine primäre Versorgung mit titanbasierten Komponenten empfohlen. Zusammenfassend stellt der alloplastische Kiefergelenkersatz mit Ausnahme autoimmun-vermittelter Erkrankungen gemäß der aktuellen S3-Leitlinie zum totalen alloplastischen Kiefergelenkersatz primär eine Ultima-RatioTherapieoption bei schwer geschädigten, nicht mehr konservativ oder durch konventionelle chirurgische Verfahren sinnvoll therapierbaren Kiefergelenkpathologien dar [AWMF, 2020]. Das im hier beschriebenen Fall dargestellte mehrschrittige Vorgehen aus bilateraler Unterkieferdistraktion zur Weichgewebsdehnung, totalem alloplastischem Kiefergelenkersatz und materialbedingter Revision entspricht sowohl den Empfehlungen der aktuellen Leitlinie als auch der publizierten Evidenz [Wolford et al., 2021; Goker et al., 2022; Arnold et al., 2023] und ermöglichte bei der heranwachsenden Patientin ein funktionell und ästhetisch zufriedenstellendes Ergebnis. „ FAZIT FÜR DIE PRAXIS „ Frühkindliche Entwicklungsstörungen des Unterkiefers können zu schwerwiegenden funktionellen Einschränkungen einschließlich TracheotomiePflichtigkeit führen und erfordern ein frühzeitiges, individualisiertes Therapiekonzept. „ Ein mehrzeitiges Vorgehen aus vorgeschalteter Distraktionsosteogenese und anschließendem alloplastischem Kiefergelenkersatz ermöglicht bei ausgeprägter maxillomandibuIärer Diskrepanz eine schrittweise Weichgewebsadaptation und eine Reduktion des skelettalen Rezidivrisikos. „ Der alloplastische Kiefergelenkersatz kann bei heranwachsenden Patienten mit schwerer Ankylose unter strenger Indikationsstellung als funktionell überlegene Therapiealternative erwogen werden, insbesondere wenn ein kondyläres Restwachstumspotenzial nicht mehr zu erwarten ist. „ Bei anamnestisch bekannter Metall-Intoleranz oder bei Anhaltspunkten für allergische Reaktionen gegen Kobalt, Chrom, Molybdän und Nickel sollte eine primäre Versorgung mit vollständig titanbasierten Komponenten durchgeführt werden. „ Die frühzeitige postoperative Mobilisation in Kombination mit Physiotherapie und Logopädie ist für ein zufriedenstellendes funktionelles Langzeitergebnis essenziell.

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