Kürzlich stolperte ich über einen Begriff, den ich schon fast vergessen hatte. Er hielt während der Covid19-Pandemie Einzug in den Wortschatz: „mütend“ – eine Kombination aus „müde“ und „wütend“. Wie passend, dachte ich, denn ich habe zunehmend den Eindruck, dass sich viele Menschen in unserem Land wieder in genau diesem Zustand befinden. Zum einen sind sie „müde“, weil die Bundesregierung nach jeder Wahl oder aufgrund schlechter Umfragewerte beinahe gebetsmühlenartig betont, dass sie verstanden habe und das Land wieder nach vorne bringe. Zum anderen sind sie aber „wütend“, weil sie für sich erkennen, dass gerade das nicht passiert. Ich kann für mich sagen, „mütend“ gewesen zu sein, als der Bundeskanzler am Abend der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin kurz nach 18 Uhr vor die Kameras trat und seine Erklärung abgab. All das hatte ich schon so oft gehört. An einer Stelle seiner Ausführungen blieb ich dann aber doch hängen. Merz wies darauf hin, dass „der Ton im Miteinander in unserer Gesellschaft immer rauer und unversöhnlicher“ geworden sei und das Vertrauen in die Institutionen sinke. Dem stimme ich zu. Faktenbasierter Austausch auf Augenhöhe, wertschätzende Kommunikation, Meinungsverschiedenheiten aushalten, einander zuhören und möglicherweise eingestehen, der andere könnte recht haben. Selbstverständlichkeiten, die zusehends verloren gehen. Dass wir den Fachzahnarztvorbehalt abwenden konnten, ist unserem konsequenten Einsatz zu verdanken. Hier wäre der Gesetzgeber gut beraten gewesen, von Anfang an den engen Dialog mit der Selbstverwaltung zu führen und ihre Expertise anzunehmen. Es mag sein, dass die Selbstverwaltung als unbequem empfunden wird. Wir haben aber als gesetzlich verankerte Interessenvertretung einen Auftrag zu erfüllen. Gemeinsam mit dem gesamten Berufsstand gewährleisten wir mit einem Höchstmaß an Patientennähe und Praxisbezug die Sicherstellung der Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland. Denn es sind doch die Zahnärztinnen und Zahnärzte, die im täglichen Kontakt mit ihren Patientinnen und Patienten eventuelle Fehlsteuerungen sowie Unwuchten im System erleben. Aus diesen Praxiserfahrungen heraus entwickelte Ideen für Versorgungsverbesserungen werden dann über uns als Selbstverwaltung an die Politik kommuniziert. Diese Wahrnehmung des gesamten Versorgungsspektrums und die daraus folgende Gewichtung und Priorisierung ist von allergrößter Bedeutung, um gute gesundheitliche Versorgung für alle zu machen. Und Entscheidungen am Patientenwohl zu orientieren, ist der Selbstverwaltung gemeinsam mit dem Berufsstand in den letzten Jahrzehnten auf allen Ebenen nicht nur hervorragend gelungen: Sie sind für zukunftsgewandte und präventionsorientierte Projekte unerlässlich. Jegliche Einschränkung dieses Handlungsspielraums schwächt die Selbstverwaltung und somit letztendlich die Patientenversorgung. Es dürfte unstrittig sein, dass Reformen mit dem Ziel, die GKV-Finanzen zu stabilisieren, unumgänglich sind. Reformen an den Strukturen der Selbstverwaltung, die einfach in den Raum geworfen werden, sind aber gerade nicht zielführend. Das würde allein den Verdacht erhärten, man wolle reformieren nur um der Reformen willen. Diese waren aber noch nie von langer Dauer. Von der Finanzkommission erwarte ich versorgungspolitisch zielführende Vorschläge. Vom Bundesgesundheitsminister wünsche ich mir, ein Gesetzespaket für ein Gesundheitssystem zu schnüren, in dem n die präventive Ausrichtung konsequent weiterverfolgt wird, n es keine versorgungsfeindlichen Eingriffe wie Budgetierung und überbordende Bürokratie gibt, n der Wert und das hohe Gut der Freiberuflichkeit gerade auch für das Patientenwohl erkannt werden, n der Zugang zu einer qualitativ hochwertigen undflächendeckenden Patientenversorgung weiterhin gewährleistet bleibt und n die Kompetenz der Selbstverwaltung anerkannt wird. Wir stellen unsere Expertise zur Verfügung – auf Augenhöhe und wertschätzend. Ass. jur. Meike Gorski-Goebel Stv. Vorsitzende des Vorstandes der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung Die Tür schwingt in beide Richtungen Foto: KZBV/Haas 6 | LEITARTIKEL
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