zm116 Nr. 20, 16.10.2026, (1538) Sehr geehrter Herr Prof. Groß, mit großem Interesse habe ich Ihren Kommentar „Die Freundin hat den Finger in die Wunde gelegt“ zum Beitrag „Implantieren lernen an ‚lebenden Patienten‘ – darf das sein?“ gelesen. Den ethischen Anspruch, Patienten nicht zum bloßen Mittel für den Kompetenzerwerb von Behandlern zu machen, halte ich selbstverständlich für diskutabel. Was mir in Ihrem Kommentar jedoch fehlt, ist die Betrachtung der Realität, in der sich viele junge Zahnärztinnen und Zahnärzte befinden. Sie nennen als ethisch unbedenkliche Alternativen unter anderem „anerkannte, zertifizierte Hospitationen und Supervisionen“, Assistenzzeiten bei erfahrenen Kolleginnen und Kollegen sowie die schrittweise Übernahme einfacher Fälle unter direkter Anleitung eines erfahrenen Implantologen. Genau hier liegt aus meiner persönlichen Erfahrung und der meines unmittelbaren beruflichen Umfelds jedoch ein erhebliches Problem: Diese Möglichkeiten existieren zwar theoretisch, sind in der Praxis allerdings in den seltensten Fällen zugänglich. Anfragen für Hospitationen werden abgelehnt oder bleiben unbeantwortet, chirurgische Stellen sind extrem schwer zu finden, und selbst wenn eine entsprechende Stelle gefunden wird, bedeutet dies nicht automatisch, dass dort eine strukturierte implantologisch-chirurgische oder überhaupt eine Ausbildung stattfindet. Selbst in der Fachweiterbildung als Oralchirurg wird oft kaum bis nie implantiert. Die Realität kann vielmehr so aussehen, dass junge Zahnärztinnen und Zahnärzte zwar lernen und Verantwortung übernehmen möchten, ihnen aber schlicht die Möglichkeit dazu fehlt. Die jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte wollen – aber sie dürfen nicht. Ein Curriculum kann maximal eine Grundlage in diesem Fachgebiet schaffen, ersetzt jedoch bei Weitem keine praktische Erfahrung und macht aus einem theoretisch fortgebildeten Zahnarzt noch keinen sicheren chirurgischen Behandler. Ich spreche dabei nicht aus einer rein theoretischen Perspektive. Ich werde selbst in Kürze mein Masterstudium beginnen. Möglich ist mir das nur, aufgrund meines Glücks, in einer einer Praxis zu arbeiten, in der ich außergewöhnlich gute Voraussetzungen dafür finde: Kompetente Implantologen, die mit Freude und Motivation ihr Wissen und Können mit jungen Kollegen teilen. Ohne diese Unterstützung hätte ich nie die erforderlichen Zugangsbedingungen für diesen Studiengang erreicht. Ich empfinde diese Möglichkeit keineswegs als selbstverständlich, sondern als Ausnahme. Außerdem erwähnenswert finde ich die anfallenden Kosten einer solchen Weiterbildung, die sich auf etwa 40.000 Euro belaufen. Damit stellt sich für mich die Frage: Wie können wir wirklich dafür sorgen, dass junge Zahnärztinnen und Zahnärzte zu sicheren implantologisch-chirurgischen Behandlern werden können? Denn am Ende entsteht ein paradoxes Bild: Von jungen Zahnärztinnen und Zahnärzten wird zu Recht erwartet, dass sie keine Behandlungen durchführen, für die ihnen die praktische Erfahrung fehlt. Gleichzeitig fehlen ihnen die Möglichkeiten, genau diese Erfahrung unter sicheren und kontrollierten Bedingungen zu erwerben. Sie sollen keine Fehler machen, aber bekommen auch keine Gelegenheit unter Anleitung zu lernen. Die jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte wollen lernen. Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, Zeit und erhebliche finanzielle Mittel zu investieren. Was fehlt, ist nicht die Motivation, sondern die Möglichkeit dafür. Amelie Nölke Zahnärztin in Peiting MANGELNDE MÖGLICHKEITEN ZUM IMPLANTOLOGISCH-CHIRURGISCHEN KOMPETENZERWERB Was mir fehlt, ist die Betrachtung der Realität Zum Beitrag „Der klinisch-ethische Fall: Implantieren lernen an ‚lebenden Patienten‘ – darf das sein?“ in zm 18/2026, S. 64–67 Leserforum Foto: ©Federico Rostagno - stock.adobe.com Die zm-Redaktion ist frei in der Annahme von Leserbriefen und behält sich sinnwahrende Kürzungen vor. Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch in der digitalen Ausgabe der zm und bei www.zm-online.de zu veröffentlichen. Bitte geben Sie immer Ihren vollen Namen und Ihre Adresse an und senden Sie Ihren Leserbrief an leserbriefe@zm-online.de oder an die Redaktion: Zahnärztliche Mitteilungen, Chausseestr. 13, 10115 Berlin. Anonyme Leserbriefe werden nicht veröffentlicht.
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