Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 19

zm 107, Nr. 19, 1.10.2017, (2165) Wer bestimmt, was Irrsinn ist? Dr. Rudolf Völker, Hamburg So sehe ich es – das Münsteraner Memorandum in der Exegese durch Herrn Kollegen Bertelsen: Als meine Kommilitonen mit mir 1984 das Zahnmedizinstudium begannen, wetterte der Universi- tätsprofessor über die „Eisen- stangen“, die man neuerdings in die Münder einpflanze und meinte, das sei Prothetik! Nie- mals werde sich dieser Unfug durchsetzen! Wir merken uns: Implantologie wurde in der Praxis entwickelt, verächtlich ge- macht und erst später von der Schulmedizin übernommen. Wissenschaft ist Wandel Man lehrte uns, Fluoride in den mütterlichen Organismus zu rezeptieren, damit die fötalen Adamantoblasten widerstands- fähigeren Zahnschmelz produ- zieren könnten. Wer als Zahnarzt oder gar als Student dagegen kritische Worte einlegte, durfte damals lernen, sich zu ducken! Heute beharren nur noch einige wenige hartgesottene Professo- ren der Pädiatrie auf den wissen- schaftlich völlig überholten sys- temischen Fluoridierungen im Säuglingsalter. Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, sich ein- gehend und objektiv mit der zunächst vorwiegend amerika- nischen Fluoriddiskussion ab 1940 zu beschäftigen (und sei es ein- fach nur, um zu wissen, wer denn nun Recht hat), der wird feststel- len, wie wandelbar wissenschaft- liche Argumente in einer von politischen und wirtschaftlichen Interessen, aber auch von subjek- tiven Überzeugungen geprägten Welt genutzt wurden (Nein, ich bin kein „Fluor-Gegner“!). Ich darf nur rückwirkend befriedigt feststellen, dass meine aufgrund kritischer Gedanken zum Staats- examen 1990 gebildete Meinung sehr nahe an dem war, was die aktuelle „Schulmedizin“ heute vertritt. Wissenschaft ist ergebnisoffener, ewiger Dialog. Oder subjektive Meinung. Wissenschaft ist in Entwicklung. Glaube ist es auch. Die katho- lische Kirche hat es aufgegeben, inquisitorisch „abweichende Meinungen“ zu verfolgen und auszumerzen. Dennoch hat es zu allen Zeiten und in allen Welt- bildern Bestrebungen gegeben, die eigene Auffassung festzu- schreiben und als verbindlich für alle anderen zu diktieren. Dabei ist es erleuchtend, wie schwer sich „die Wissenschaft“ (Biologie, Quantenphysik, Theologie, Psy- chologie, Medizin …) in der Be- antwortung einer so fundamen- talen Frage tut, wie sie beispiels- weise imMärz 2013 in dem inter- disziplinären Kolloquium an der Universität Witten/Herdecke mit dem Thema „Was ist Geist?“ auf- geworfen wurde. Eine befriedi- gende Konsens-Lösung gab es damals nicht. Wer aber rational nicht beantworten kann, was „Geist“ denn überhaupt ist, tut sich natürlich auch schwer mit einer sachgemäßen Stellungnahme zu einem so umstrittenen Thema wie „Geistheilung“. Das hindert aber natürlich be- stimmte Geister nicht daran, eine feste Meinung zu vertreten. Herr Bertelsen macht hier keine Aus- nahme. Von Hause aus als nieder- gelassener Kollege mit einer Approbation ausgestattet wie wir alle, erhebt er sich in seinem

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