Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 19

zm 107, Nr. 19, 1.10.2017, (2182) Ende 1990 hatten von den rund 2.000 Kol- legen im Land schon 550 ihre eigene Praxis eröffnet! Am 13. August 1990 erhielten wir vom da- maligen DDR-Gesund- heitsminister ein Schreiben, das unsere Zahnärztekammer e. V. mit den Aufgaben einer Körperschaft des öffentlichen Rechts betraute. Wir gingen daran, von der Basis her mit 40 Kreisstellen unsere Körperschaft aufzubauen und demokratische Wahlen durchzuführen, so dass wir fristgemäß am 29. Juni 1991 die konstituierende Sitzung der Kammerversammlung durchführen konnten. Diesen Tag sehen wir als das offizielle Gründungsdatum der Zahnärzte- kammer Sachsen-Anhalt an. Wir legten los – und zahlten auch Lehrgeld. Sehr zügig installierten wir damals beispiels- weise ein Fortbildungsprogramm für die Kollegenschaft. Der erste Zahnärztetag in der Magdeburger Stadthalle (Fassungsvermögen circa 1.500 Personen) hatte am Vormittag zum wissenschaftlichen Programm aller- dings ganze 40 Teilnehmer – ein Fiasko, das uns einen schlechten Ruf bescherte. „In Sachsen-Anhalt kommt keiner, wenn Fortbildungstage sind“, hieß es. Dass das keineswegs stimmte, konnten wir schon ein Jahr später beweisen. Der Unterschied: Die nächsten Fortbildungstage veranstalteten wir nicht kurz vor Weihnachten, sondern Mitte September. Inzwischen platzen unsere Fortbildungstage in Wernigerode aus allen Nähten, und wer sich nicht rechtzeitig an- meldet, findet keinen Platz mehr. Den Optimismus und die Aufbruchstimmung von vor 27 Jahren haben wir in solide Arbeit umsetzen können – diese Einschätzung kann man wohl treffen, ohne der Selbst- gefälligkeit verdächtigt zu werden. Wir haben allerdings auch beides gebraucht, um so manche harte Landung auf dem Boden der Gesundheitspolitik zu verwinden. Dass alles einfach werden würde, hatten wir 1990 realistischerweise nicht erwartet, wir hatten aber mit Schwierigkeiten anderer Art gerechnet. Dr. Frank Dreihaupt Ehemaliger Präsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt Berufsstands gelungen, auch wenn es hoch angesiedelte Politiker gab, die sich mit den Vorgaben des Einigungs- vertrags nicht abfinden wollten. Mit politischen Aktivitäten und über Gesetzesänderungen sollte der Einigungs- vertrag – was die gesundheitliche Versor- gung angeht – aufgeweicht werden. So hat die ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt bereits am 21.07.2003 öffentlich im Fernsehen auf n-tv gesagt „[...] es muss auch Schluss sein mit der Ideologie der Frei- beruflichkeit“ und in einem Gespräch mit der Sächsischen Zeitung am 27.10.2003 setzte sie noch einen drauf und sagte: „Es war einer der großen Fehler der Neunziger- jahre, dass die Polikliniken abgebaut worden sind, statt sie zu Zentren der integrierten Versorgung zu entwickeln.“ Unter diesen Umständen ist es nicht ver- wunderlich, dass für die Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung medizinische Versorgungszentren Urständ feiern konnten. Ab 2004 wurden diese im § 72 des SGB V ausdrücklich aufgenommen. Schmidt kom- mentierte das so: „Ich bin froh, dass dieses Stück gelebte Ost-Realität jetzt für ganz Deutschland verbindlich umgesetzt werden soll.“ Mit weiteren nachfolgenden Änderun- gen dieses Paragrafen haben medizinische Versorgungszentren inzwischen eine privi- legierte Stellung gegenüber freien Praxen erhalten. Bis dahin, dass auch Kommunen medizinische Versorgungszentren einrichten können. So schließt sich also der Kreis und wenn es nach den Wahlprogrammen von SPD, Grünen und Linken geht, wäre der politische Um- bau in ein staatliches Gesundheitswesen mit Bürgerversicherung (Einheitskrankenkasse) und Einheitsgebührenordnung kaum noch aufzuhalten. Als Kenner der Szene kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, als wenn das Gesundheitswesen der ehe- maligen DDR bei den Vorstellungen von Rot/Rot/Grün Pate gestanden hätte. Bür- gerversicherung hieß dort nur Sozial- versicherungskasse (SVK) und medizinische Versorgungszentren waren Polikliniken und Ambulatorien. Nach fast 50-jähriger freiberuflicher Tätig- keit in eigener Praxis und genau so lange in der zahnärztlichen Selbstverwaltung und im Freien Verband Deutscher Zahnärzte kämpfe ich auch heute noch dafür, dass der Zahnärzteschaft und vor allen Dingen unseren Patienten ein solches Gesundheits- wesen erspart bleibt. Dr. Karl Horst Schirbort Ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung drschirbort@web.de Fotos: picture alliance_dpa 28 Gesellschaft

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