Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 08

zm 109, Nr. 8, 16.4.2019, (892) zeigt das Kind fortan allein gesundheitsför- derndes Verhalten. Die Geschichte themati- siert damit den Lehrsatz „Aus Schaden wird man klug“. Wer diesen Lehrsatz heute noch für pädagogisch sinn- und wertvoll erachtet, wird die Schleckerjörg-Geschichte positiv bewerten. Wer jedoch die Meinung vertritt, dass der Erfahrung von Leid und Strafe, eine dem Entwicklungsstand von Vorschulkindern angepasste, liebevolle, aber auch konsequente Verhaltenssteuerung durch die Eltern vorzu- ziehen ist, der wartet auf die dafür brauch- baren Ratschläge in diesem Buch vergebens. ! Rose & Modartis: Zilla Zottel Zahnpiratin. Undine Kinder- und Jugendbuchverlag, 2012. 9,90 Euro, ISBN: 978–3–940002–09–9 (nur noch über Internet) Inhalt: Lena hat strahlend weiße Zähne, die sie freudig putzt. Außerdem isst sie Äpfel und freut sich auf den Zahnarztkontrollbesuch; Linus hingegen isst Schokolade, hat Mund- geruch, verspürt keine Zahnputzlust und leidet an Zahnschmerzen. Bei Doktor Backe stoßen die Behandler auf ein Piratennest in Linus‘ Mund: Zahnpiratin Zilla Zottel und ihre Crew haben Linus‘ Zähnen schwer zugesetzt und werden von Spiegel, Bohrer, Sauger und Wasser heftigst angegriffen und erfolgreich bekämpft. Linus kann nun wieder lächeln, schwört zukünftig auf Wasser, Milch, Tee und Obst und sagt der Schokolade ade. Kommentar: Gemäß den Kriterien zur Zahn- gesundheitsförderung von Kindern im Kinder- gartenalter enthält die Geschichte mehrere Aspekte, die sie wenig empfehlenswert macht: 1. Die weibliche Identifikationsfigur zeigt extreme und damit der kindlichen Erfah- rungswelt fremde Verhaltensweisen: Wer isst schon nur Obst, verzichtet völlig auf Süßgenuss und putzt dazu mit Übereifer Zähne? 2. Die Illustrationen der Patientenfiguren im Wartezimmer lassen beim Betrachter deren Angst- und Schmerzgefühle erfahrbar werden. 3. Wachsende Schriftgrößen und Buchstaben- wiederholungen vermitteln eine angstför- dernde Behandlungssituation. 4. Die Feindbilder – besonders die weibliche Hauptfigur Zilla – wirken durch ihre kecke, teils fröhliche Erscheinung nicht wirklich un- sympathisch oder bösartig, wie im Text sug- geriert. Sollten kindliche Leser Zuneigung zu diesen Figuren fassen, wäre das kontrapro- duktiv zur Zielsetzung der Lektüre. 5. Das zahnärztliche Instrumentarium be- sitzt bedrohliches Potenzial – besonders im Vergleich zur eher zierlich erscheinenden Feindfigur. 6. Die üppige Zahnpastamenge auf mehre- ren Abbildungen steht im Widerspruch zum empfohlenen erbsengroßen Zahnpastaklecks. 7. Der behandelte – und gesundete – Held unterwirft sich einem Schwur, der ihn zu Lebens- und Verhaltensweisen verpflichtet, die in extremem Gegensatz zu seinen bisherigen Freuden stehen und die zur Gesundheitsförderung unnötig sind. Somit erhält der Leser keine Botschaft, aus der er für sich Nutzen ziehen könnte. ! Prof. Dietrich Grönemeyer: Rosi hat Zahnschmerzen. Carlsen Verlag GmbH, 2012. Maxi–Pixi Nr. 121, 1,99 Euro/St. (nur im 5er-Paket erhältlich; Euro 9,95), ISBN: 978–3–551–04621–5 (nur noch übers Internet) Inhalt: Die fünfjährige Rosi erwacht früh morgens mit furchtbaren Zahnschmerzen. Ihr Zwillingsbruder Erwin und ihre Mutter begleiten sie in die Zahnarztpraxis, wo sie zunächst mit Furcht und Abwehr auf den Anblick des Behandlungszimmers reagiert. Bei der Untersuchung stellt die Zahnärztin fest, dass ein neuer großer Backenzahn den Schmerz verursacht. Eine Spülung und ein gekühlter Beißring sollen helfen. Die Zahn- ärztin erklärt den Kindern anhand eines großen Gebissmodells, wie sie ihre Zähne putzen sollen und verabschiedet beide mit einem kleinen Geschenk. Kommentar: Da die Geschichte von Prof. Grönemeyer, „einem der bekanntesten Ärzte in Deutschland“, verfasst wurde und durch eine große Handelskette deutschlandweit ver- trieben wird, ist von einer breiten Streuung dieser Bilderbuchlektüre über Kindergarten- kinder auszugehen. Für die Zahngesundheits- förderung ist das Buch jedoch in mehreren Punkten eher kontraproduktiv: 1. Bereits das Titelbild mit den Lolli lutschenden Kindern und dem Ausdruck von Zahnschmerzen im Kindergesicht sug- geriert Zahnprobleme aufgrund von Süßig- keitengenuss, obwohl dies nicht Inhalt der Geschichte ist. Damit passt das Titelbild nicht zur Geschichte. 2. Der Ausdruck des Schreckens auf den Gesichtern der Hauptfiguren beim Anblick des Behandlungszimmers überträgt sich auf die Leserschaft. Unverantwortlich ist, dass der Praxisbesuch offensichtlich erst mit fünf Jahren erfolgt, was im krassen Widerspruch zur Prophylaxeempfehlung „Erster Zahn – erster Zahnarztbesuch“ steht. 3. Die beruhigend gemeinte Aussage der Zahnarzthelferin „Hab‘ keine Angst“ hat eher die gegenteilige Wirkung. 4. Die Darstellung des Bohrers in Text und Bild ist aufgrund des Handlungsablaufs überflüssig, denn weder für die Schmerz- ursache noch in der Behandlung spielt er eine Rolle. 5. Normalerweise ist der Durchbruch der zweiten Zähne relativ komplikationslos; wenn jedoch die Identifikationsfigur beim Wachs- tum ihres neuen Backenzahns so großes Leid erfährt, kann dies Kinder in der gleichen Lebenssituation grundlos beängstigen. 86 Praxis

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