Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 08

zm 109, Nr. 8, 16.4.2019, (898) Odontogene Keratozysten bleiben häufig über lange Zeit klinisch inapparent und werden als radiologische Zufallsbefunde im Ortho- pantomogramm (OPG) entdeckt. Nicht selten haben sie zu diesem Zeitpunkt schon eine beträchtliche Ausdehnung erreicht. In 20 bis 25 Prozent der Fälle wird eine Verbindung mit retinierten Zähnen beschrieben. Die Nomenklatur der Keratozyste wurde in den vergangen Jahren zweimal geändert. 2005 erfolgte im Rahmen der aktualisierten Auflage der WHO-Klassifikation der Kopf- Hals- Tumoren die Umbenennung der bis dato als odontogene Keratozyste beschriebenen En- tität in keratozystisch odontogener Tumor. Diese Neubenennung erfolgte aufgrund der neoplastischen Eigenschaften des Befunds [Barnes et al., 2005]. 2017 erfolgte mit der aktuellen Neuauflage der Klassifikation die Rückkehr zur ursprünglichen Terminologie: Die ehemalige odontogene Keratozyste wird aktuell wieder als odontogene Keratozyste bezeichnet. [Baumhoer, 2017]. Bei entsprechender Größe können die Ver- drängung von Nachbarzähnen sowie deren Lockerung, Wurzeldivergenzen und Wurzel- resorptionen, Schwellungen, spontane Flüssigkeitsentleerungen und Schmerzen beobachtet werden. Eine Beeinträchtigung des N. alveolaris inferior ist selten und äußert sich als Par- beziehungsweise Hyp- ästhesie im Bereich der Unterlippe und des Kinns [Bornstein et al., 2005]. Odontogene Keratozysten zeigen im Rönt- genbild eine ein- oder mehrkammerige, in der Regel scharf begrenzte Struktur. Histologisch werden zwei Varianten unter- schieden: die ortho- und die parakeratini- sierte Form, wobei die parakeratinisierte Keratozyste mit über 80 Prozent deutlich häufiger auftritt. Makroskopisch enthält die glattwandige Zyste mit dünnem, fragilem Balg ein chromgelbes Sekret, das in Konsis- tenz und Farbe Vanillepudding ähnelt. Mikroskopisch imponiert der Zystenbalg typischerweise mit mehrschichtigem Plat- tenepithel, in der Regel etwa zehn Zell- schichten sowie einer basalen Kernpalisade und einer scharfen, gewellt verlaufenden luminalen Begrenzung durch eine zarte Abbildung 3: DVT axiale Schichten: Zahn 33 im Zystenlumen Abbildung 4: DVT coronare Schichten \ Zystostomie: Nach Eröffnung des Zystenlumens wird der Zugang mit einer Jodoform-Vaseline-Tamponade oder einem Obturator über Monate offen gehalten. Anschließend wird das verbliebene Zys- tengewebe in einemweiteren operativen Eingriff in toto entfernt. Dieses Verfahren kommt bei ausgedehnten Keratozysten im Unterkiefer und enger Lagebeziehung zu vitalen Strukturen, zum Beispiel zum N. alveolaris inferior, zum Einsatz. \ Enukleation: Die Enukleation einer Keratozyste gilt als Goldstandard und eignet sich insbesondere für kleinere, einkammrige Keratozysten mit guter Zugangsmöglichkeit. Die Enukleation kann zur Maximierung der Sicherheit hinsichtlich einer vollständigen Entfer- nung mit peripherer Ostektomie und/ oder Fixierung des Zystenbalgs mittels Carnoy’scher Lösung kombiniert werden. Der Einsatz der Carnoy’schen Lösung wird aufgrund ihrer zum Teil toxischen Inhaltsstoffe wegen einer möglichen Schädigung von Nachbarstrukturen kon- trovers diskutiert. \ Resektion: Hierbei handelt es sich um die invasivste Therapieoption. Sie wird, sofern möglich, vermieden. Die Resektion im Gesunden richtet sich nach der Aus- dehnung der Zyste und kann kontinuitäts- erhaltend oder kontinuitätsunterbrechend sein. Aufgrund zum Teil hoher Rezidivraten, die sich abhängig von der gewählten Therapieoption stark unterscheiden, werden regelmäßige klinische und radiologische Verlaufskontrollen über mehrere Jahre empfohlen. Therapiemöglichkeiten Abbildung 5: DVT sagittale Schichten Abbildung 6: Postoperative Orthopantomografie: Beckenkammspongiosa in den Defekten 92 Zahnmedizin

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