Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 17

zm 111, Nr. 17, 1.9.2021, (1582) Foto: Reprint Höpfner [1993], 465 – mit Erlaubnis der Bonner Geschichtsblätter Gertrud Harth ZM-SERIE: KARRIEREN IM AUSLAND Von Bentheim nach Haifa – die Kieferorthopädin Gertrud Harth Dominik Groß Gertrud Harths Karriere in Deutschland endete, bevor sie richtig begonnen hatte: Sie wurde als junge, vielversprechende Hochschulassistentin von den Nazis entrechtet und flüchtete nach Palästina. Hier wurde sie – jenseits der universitären Wissenschaft – zu einer wichtigen Figur: als Kommandeurin einer Frauen- abteilung einer paramilitärischen Bewegung, die die Gründung des Staates Israels unterstützte. G ertrud Harth wurde am 3. Au- gust 1904 im niedersächsischen Bentheim geboren [Formanski, 2020; Forsbach, 2006; Groß, 2021; Höpfner, 1993, 1999a und 1999b; Kremer/Büchs, 1967]. Sie war die Tochter eines jüdischen Oberschul- lehrers und strebte für sich den Zahn- arztberuf an. Hierfür schrieb sie sich 1924 an der Universität Bonn ein. Die Bonner Zahnklinik – damals noch „Zahnärztliches Institut“ genannt – wurde zu jenem Zeitpunkt vom – auch international – erfolgreichen jüdischen Hochschullehrer Alfred Kantorowicz geleitet [Forsbach, 2006; Kirchhof, 2009; Groß, 2018a]. Dieser hatte in Bonn eine Reihe erfolgreicher akademischer Schüler ausgebildet, die ebenfalls die Zahnheilkunde lehrten – namentlich Wilhelm Balters (1893–1973) [Groß, 2021], Karl Friedrich Schmidhuber (1895–1967) [Groß, 2020a] und Gustav Korkhaus (1895–1978) [Groß, 2018b und 2021]. Alle drei habilitierten sich in den Jah- ren 1926 bis 1929 bei Kantorowicz und trugen maßgeblich dazu bei, dass Harth in Bonn eine exzellente zahnärztliche Ausbildung erfuhr. Zu Harths Kommilitonen gehörten die späterhin bekannten Zahnärzte Clemens Altenkamp (1904–1958) und Reinhold Waldsax (1905–1995) [Groß, 2021 und 2022]. Harth selbst verfasste nach dem er- folgreichen Studienabschluss in Bonn die kieferorthopädisch ausgerichtete Dissertation „Biometrische Unter- suchungen über die Dimensionen des Normalgebisses in verschiedenen Lebensaltern: Intramaxilläre Bezie- hungen“ und wurde mit dieser Arbeit 1930 in der späteren Bundesstadt zur Dr. med. dent. promoviert [Harth, 1930a]. Sie hatte außerdem das Glück, am Bonner Institut eine außerplanmäßige Assistentenstelle zu erhalten. 1930 trat sie ihren Dienst in der aufstrebenden kieferorthopädischen Abteilung an, die von Kantorowicz und Korkhaus geleitet wurde. Ihre wissenschaftliche Karriere nahm schnell Fahrt auf: Ihre Promotions- schrift wurde noch 1930 als 27-seiti- ger Aufsatz in der damals führenden deutschsprachigen Fachzeitschrift – der „Deutschen Monatsschrift für Zahnheilkunde“ – abgedruckt [Harth, 1930b]. Zudem gelang es ihr in den beiden nachfolgenden Jahren, drei weitere Publikationen zu veröffent- lichen – darunter zwei englisch- sprachige Arbeiten: einen Bericht über die wissenschaftliche Ausstel- lung des 2. Internationalen Ortho- dontischen Kongresses in London, der in den „Fortschritten der Ortho- dontik“ (heute: Fortschritte der Kie- ferorthopädie) erschien [Harth, 1931], sowie zwei Fachbeiträge im „Interna- tional Journal of Orthodontia and Dentistry for Children“ beziehungs- weise in einem Londoner Kongress- band [Harth, 1933a und 1933b]. DIE NAZIS NAHMEN IHR JEDE BERUFLICHE PERSPEKTIVE Einer vielversprechenden Karriere stand somit nichts im Wege und vermutlich hätte Harth sich in den Folgejahren in Bonn habilitiert. Doch PROF. DR. DR. DR. DOMINIK GROß Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen Klinisches Ethik-Komitee des Universitätsklinikums Aachen MTI 2, Wendlingweg 2, 52074 Aachen dgross@ukaachen.de Foto: privat 56 | GESELLSCHAFT

RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=