Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 3

zm112, Nr. 3, 1.2.2022, (209) if it was free and no gentile was around“ [Strauss, 1971]). 1933 legte Oppenheim in Würzburg die zahnärztliche Prüfung ab und erlangte die Approbation. Aufgrund seines besonderen Status als (Halb-) Waise eines Kriegsgefallenen war es ihm bis 1936 noch möglich, den Zahnarztberuf auszuüben. So war er bis Ende 1935 als Assistent in Zahnarztpraxen in Dresden und Berlin tätig. Zudem nutzte er diese Jahre zum Abschluss seiner Promotion: 1935 erlangte er in Würzburg mit einer Arbeit über „Die Verwendung von Alformin in der zahnärztlichen Praxis“ den Dr. med. dent. – Alformin war ein Vasokonstriktor, der allerdings nur kurze Zeit in der Zahnheilkunde eingesetzt wurde [Oppenheim, 1935]. Zum Zeitpunkt der Promotion dürfte Oppenheim bereits den Entschluss gefasst haben, Deutschland zu verlassen. Nach 1933 hatte die Diskriminierung und Entrechtung der jüdischen Mitbürger sukzessive zugenommen. Oppenheim teilte diese Erfahrung der Entrechtung mit rund 1.200 weiteren Zahnärzten jüdischer Herkunft; viele von ihnen versuchten dementsprechend zu emigrieren [Groß, 2018; Groß et al., 2018; Groß, 2019; Groß/Krischel, 2020]. SEIN HOBBY: BRIEFMARKEN SAMMELN Oppenheim bewarb sich 1935 auf Vermittlung von Louis Charny, einem in den USA ansässigen Onkel, um ein Visum für die USA [Strauss, 1971]. Anfang 1936 war es dann so weit: Er flüchtete – weitgehend mittellos – von Berlin aus nach Southampton. Von dort trat er Ende Februar mit dem Schiff SS Berengaria die Überseereise nach New York City an, wo ihm Verwandte nach seiner Ankunft am 3. März ein Zimmer bei der „Young Men‘s Hebrew Association“ (YMHA) vermittelten. Oppenheim unterzog sich nach seiner Ankunft in New York diversen Sprachprüfungen. Im September 1936 wurde er dann an der University of Pennsylvania als Student akzeptiert und bestand dort – nach einjährigem Studium – das US-amerikanische zahnärztliche Examen, das die Voraussetzung für eine Zulassung als american dentist darstellte. Die Studienkosten wurden zum Teil von seinen Verwandten getragen. Oppenheim verdingte sich allerdings auch als Vertreter für ein Dental Depot in den USA. Dennoch fand er offenbar noch Zeit für ein Hobby und schloss nach und nach Freundschaften. So schrieben seine Kommilitonen im Jahrbuch („Dental Record“) 1937 der betreffenden Examensklasse an der University of Pennsylvania über ihn: „Ein Zahnarzt mit einem Hobby – dem Briefmarkensammeln. Zurückhaltend, es hat viele Monate gedauert, ihn kennenzulernen, aber jetzt hat er sich als eine Persönlichkeit etabliert, die wir nicht so schnell vergessen werden. Wohin du auch gehst, Max, wir wissen, dass deine Bemühungen reichlich belohnt werden” [Übersetzung nach Dent. Record, 1937]. Oppenheim schloss seine Studien 1937 mit dem „Doctor of Dental Surgery“ (D.D.S.) – seiner zweiten Doktorwürde – ab. Anschließend war er als Zahnarzt in Philadelphia tätig. Es gelang ihm ohne größere Schwierigkeiten, sich in die US-amerikanische Gesellschaft zu integrieren – dank seiner Verwandten, aber auch dank seiner Frau: Oppenheim hatte zwischenzeitlich die in Philadelphia geborene Jüdin Esther Shatz – eine Pflegeschullehrerin – kennengelernt. Beide heirateten im Jahr 1940. Aufgrund der Eheschließung erlangte er bereits 1941 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. SEINE MUTTER WURD IM KZ UMGEBRACHT Sein älterer Bruder, der 1909 geborene Gymnasiallehrer Fred Oppenheim, war 1939 ebenfalls in die USA immigriert [IBDCEE, 1983]. Beide Brüder traf 1941 ein familiärer Schicksalsschlag: Ihre Mutter, die im Deutschen Reich verblieben war, wurde im November 1941 von Frankfurt am Main aus ins Konzentrationslager Minsk deportiert und kam dort im Rahmen einer Typhus-Epidemie zu Tode [Strauss, 1971]. Heute findet sich in Bad Hersfeld in der Klausstraße ein Stolperstein, der die Erinnerung an sie wachhält [Auf Spurensuche, 2013]. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges schlug Oppenheim in den USA eine universitäre Laufbahn ein: Zunächst absolvierte er 1946 und 1947 ein postgraduales Studium an der Dewey School of Orthodontia in New York. Danach kehrte er nach Pennsylvania zurück. Im Juli 1950 wurde er „Instructor“ an der School of Dental Medicine der University of Pennsylvania und rückte so in die Riege der Fakultätsmitglieder auf. Zugleich betrieb er – wie viele USamerikanische Dozenten mit medizinischem Hintergrund – eine Privatpraxis. Er war in Germantown ansässig, einem Stadtbezirk im Bezirk Upper Northwest von Philadelphia, der nach der ersten deutschen Siedlung in Pennsylvania benannt ist. 1953 wurde Oppenheim Associate Professor an der University of Pennsylvania und 1954 zudem „Lecturer on dental history“ – eine Funktion, die er bis 1960 ausübte. PROF. DR. DR. DR. DOMINIK GROß Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen Klinisches Ethik-Komitee des Universitätsklinikums Aachen MTI 2, Wendlingweg 2, 52074 Aachen dgross@ukaachen.de Foto: privat ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden. GESELLSCHAFT | 55

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