Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 1-2

mäßiger Nachsorge befanden, geringeren Zahn- als Implantatverlust [Tomasi et al., 2008]. Bezüglich der Sorge, dass parodontal kompromittierte Zähne womöglich eine Gefahr für den Knochenabbau im zukünftigen Implantatbett darstellen, zeigten Untersuchungen sogar im Gegenteil, dass der „palliative“ Zahnerhalt unter weiterhin durchgeführter Nachsorge sogar eher zu Knochenerhalt führte und die Extraktion auf jeden Fall mit Knochenverlust einherging [Machtei und Hirsch, 2007]. Liefert die Periimplantitistherapie vorhersagbare Ergebnisse? Auch wenn mittlerweile Fortschritte in der nicht-chirurgischen Therapie von Periimplantitis gemacht werden konnten, scheint die Therapie nur begrenzt voraussagbar zu sein und ein langfristiges Wiederauftreten von Entzündungszeichen nicht verhindern zu können [Muthukuru et al., 2012]. Kombinierte nicht-chirurgische und chirurgische Therapien bei Periimplantitis scheinen bei effektiver Implantatnachsorge jedoch zumindest im Bereich von sieben Jahren ein Implantatüberleben von 70 bis 99 Prozent zu ermöglichen [Roccuzzo et al., 2018]. Basierend auf der Annahme, dass in der Ätiologie der Periimplantitis weitaus mehr Risikofaktoren einen Einfluss ausüben als bei der Parodontitis (wie beispielsweise Zementüberschüsse, Partikelabrieb, Implantat-AbutmentLeakage, biofilmadhärente Oberflächen [Fretwurst und Nelson, 2021]) und sich die anatomischen Gegebenheiten zwischen Zähnen und Implantaten unterscheiden, erscheint es nur logisch, dass die Therapie der Periimplantitis in ihrer Effektivität der Parodontitistherapie unterlegen sein muss. Präferenzen und Kosten Für Patienten sind in der Regel Schmerzfreiheit, Kaufunktion, Ästhetik, minimale Invasivität und geringe Kosten von hoher Bedeutung, wobei dies immer im persönlichen ZahnarztPatienten-Gespräch eruiert werden muss (personalisierte Zahnmedizin). Für eine gemeinsame Entscheidungsfindung, wie sie heute State of the Art sein sollte, spielen aber natürlich die Einstellung und die Informationsgabe durch die Zahnärzte eine wesentliche Rolle. Interessanterweise zeigte eine Untersuchung, dass sich Zahnärzte mit einer postgradualen Weiterbildung im Bereich der Implantologie dreimal häufiger für den Zahnerhalt bei parodontal kompromittierten Zähnen entschieden anstatt für die Extraktion und Implantation im Vergleich zu Kolleginnen und Kollegen ohne implantologische Weiterbildung [Lang-Hua et al., 2014]. Dies stand im Einklang mit einer Untersuchung unter allgemeinzahnärztlichen Kollegen, die in einer Implantatversorgung generell (80 Prozent) eine bessere Versorgung sahen als in einem konventionellen Zahnersatz [Lang-Hua et al., 2013]. Diese Betrachtung stimmt vor allem dann nicht, wenn die Patienten gewichtige Risikofaktoren für Periimplantitis aufweisen (wie Rauchen, Diabetes mellitus, Parodontitis). Entsprechend scheinen hier weitere Aufklärung und die Einbindung des Themas in die Lehre und zahnärztliche Fort- und Weiterbildung notwendig zu sein. Auch die finanziellen Implikationen der therapeutischen Optionen sind bereits in einer Studie verglichen worden: Hier konnte gezeigt werden, dass der parodontale Erhalt von Zähnenmit Furkationsbeteiligung kurz- und langfristig weniger Kosten verursacht als eine entsprechende Extraktion und Implantation [Schwendicke et al., 2014]. Fazit und Empfehlungen Implantate stellen heutzutage eine wichtige therapeutische Möglichkeit für den Zahnersatz dar, um die Kaufähigkeit und die Ästhetik mit einer guten langfristigen Prognose wiederherzustellen. Sie sind allerdings nicht die „besseren Zähne“. Entsprechend der dargestellten Faktoren wird deutlich, dass die Abwägung zwischen dem Versuch des Zahnerhalts und der Alternative Extraktion/ Implantation vor allem beim ersten Patientenkontakt immer zugunsten des Zahnerhalts entschieden werden sollte. Eine frühe Extraktionsplanung (vor allem unter alleiniger Betrachtung des Röntgenbildes) ist obsolet, denn die Erhaltbarkeit von parodontal kompromittierten Zähnen zeigt sich erst im Laufe der Parodontitistherapie. Vor allem die Einbindung der Patienten in eine systematische und anschließend unterstützende Parodontitistherapie verbessert sowohl die Prognose von parodontal kompromittierten Zähnen als auch die von eventuell später inserierten Implantaten relevant. Allerdings scheint hierbei selbst bei adäquater Nachsorge der Knochenabbau um Zähne geringer zu sein als um Implantate – parodontale Komplikationen können dementsprechend bei Zähnen im Vergleich zu Implantaten als besser beherrschbar angesehen werden. Daher sind Konzepte interessant, wie beispielsweise die von Lundgren et al. [2008] empfohlene Vorgehensweise, nach der die Zahnextraktion möglichst so lange hinausgezögert werden soll, dass zu erwartende periimplantäre Komplikationen wie Explantationen imhohen Patientenalter nicht mehr zu erwarten sind (Abbildung 9). Natürlich sollte der dabei zu erhaltende Zahn die Patientinnen und Patienten nicht in ihrer Lebensqualität durch Schmerzen oder reduzierte Kaufunktion einschränken. Es sollte auch nicht leichtfertig auf stark parodontal vorgeschädigten Zähnen kostenintensiver Zahnersatz angefertigt werden. Wie aber dargestellt, lässt sich beispielsweise durch Immediatprothesen oder Langzeitprovisorien Zeit gewinnen, um eine aussagekräftigere Prognose zu erhalten. CME AUF ZM-ONLINE Zahnerhalt versus Extraktion und Implantation bei Parodontitispatienten Für eine erfolgreich gelöste Fortbildung erhalten Sie zwei CME-Punkte der BZÄK/DGZMK. zm113 Nr. 01-02, 16.01.2023, (48) 48 | ZAHNMEDIZIN

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