Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 1-2

ZAHNMEDIZIN | 47 Tabakkonsum, aber auch nicht beeinflussbare Risikofaktoren wie das Alter einen starken Einfluss auf das Überleben von Zähnen haben [Eickholz et al., 2008]. Dabei fiel auf, dass durch regelmäßige Nachsorge selbst deutlich kompromittierte und als „hoffnungslos“ bezeichnete Zähne überwiegend den Zeitraum von bis zu 20 Jahren überlebten [Pretzl et al., 2018]. Dennoch geben Prognosesysteme, insbesondere bei komplexen Situationen, eine Hilfestellung bei der Entscheidung über den Zahnerhalt. Jedoch sollte man diese zu unterschiedlichen Zeitpunkten innerhalb der Parodontitistherapie erneut durchführen und sich wiederholt die Frage stellen, ob durch die derzeitige Therapie eine parodontale Stabilität des Zahnes erreicht werden kann [Kwok und Caton, 2007]. Die Abbildungen 5 bis 8 stellen diese Situation bei einem 56-jährigen Patienten mit Parodontitis dar, bei dem sich die zahnbezogenen Prognosen nach drei Jahren Parodontitistherapie deutlich verbessert haben. Im Zusammenhang mit einer anstehenden prothetischen Versorgung wird — ebenfalls in einer Richtlinie des G-BA — vorausgesetzt, dass nicht erhaltungswürdige Zähne und Wurzelreste extrahiert werden sowie eine Parodontalbehandlung vorgenommen wird, bevor definitiver Zahnersatz hergestellt wird. Da entsprechend der dargestellten Faktoren eine primäre Prognosestellung beim ersten Termin ungenügend ist, wird bis zum Erreichen von parodontaler Gesundheit ein Immediatersatz als Überbrückung empfohlen [G-BA, 2022a]. Bei der Entscheidungsfindung für oder gegen eine Extraktion gilt es zudem, die Patienten einzubeziehen. Nur diese können Faktoren wie Adhärenz und Risikofaktoren beurteilen. Nicht zuletzt spielen die Erfahrung und die Qualifikation von Zahnärztinnen und Zahnärzten bei der Zahnerhaltung und insbesondere bei parodontalchirurgischen Eingriffen eine maßgebliche Rolle für den Erfolg [Cortellini und Tonetti, 2000; Kozlovsky et al., 2018]. Die Alternative Extraktion plus Implantat im Vergleich Haben Implantate eine bessere Prognose als parodontal geschädigte Zähne? Bei dieser Frage muss zunächst beachtet werden, ob die Implantate bei parodontal gesunden oder bei Patienten mit Parodontitis eingesetzt wurden. Dies ist insofern besonders relevant, da die Faktoren, die zum Zahnverlust bei Parodontitispatienten geführt haben, ja auch weiterhin auf das Implantat einwirken. In der Tat zeigen vergleichende Studien, dass um Implantate bei Parodontitispatienten eine mehr als doppelt so hohe Prävalenz an Periimplantitis auftritt als um Implantate bei parodontal gesunden Patienten [Cho-Yan Lee et al., 2012; Roccuzzo et al., 2010]. Dieses Risiko kann jedoch durch eine effektiv durchgeführte Parodontitistherapie und eine hohe Patientenadhärenz in der unterstützenden Parodontitistherapie minimiert werden [Cho-Yan Lee et al., 2012; Roccuzzo et al., 2010]. Dies wurde nun auch in einer 20 Jahre betrachtenden prospektiven Studie herausgefunden [Roccuzzo et al., 2022]. Eine vorbereitende Checkliste vor Implantation, um entsprechend Periimplantitis zu vermeiden, wurde vor Kurzem von der eigenen Arbeitsgruppe veröffentlicht [Wölber und Fretwurst, 2022]. Diese Zusammenhänge bedeuten allerdings auch, dass die frühe Extraktion und Implantation bei nicht-adhärenten Parodontitispatienten und nichteffektiver Parodontitistherapie mit einem stark erhöhten Risiko für den Implantatverlust einhergehen muss. Sind bei funktionierender Nachsorge Implantate mit Zähnen vergleichbar? In einer retrospektiven Studie von Guarnieri et al. konnte gezeigt werden, dass selbst bei effektiver Nachsorgetherapie der Verlust von Zähnen mit Parodontitishistorie über einen Zeitraum von zehn Jahren geringer war (0,07 Zahn/Patient/Jahr) als der von Implantaten (0,4 Implantat/Patient/Jahr) [Guarnieri et al., 2021]. Auch in einem systematischen Review von Tomasi et al. zeigten Patienten, die sich in regelzm113 Nr. 01-02, 16.01.2023, (47) Abb. 9: Das Diagramm zeigt den theoretisch zu erwartenden Knochenabbau (linke Achse, „Knochenunterstützung“) in Relation zum Lebensalter. Die verschiedenfarbigen durchgehenden Geraden stellen verschiedene Parodontititsverläufe eines Zahnes dar (unbehandelt, moderat wirkungsvolle Parodontitistherapie, effiziente Parodontitistherapie). Da die Implantate nach Extraktion (x) demselben zeitlichen Knochenabbau unterliegen, verschiebt eine späte Implantation den zu erwartenden Explantationszeitpunkt über die Lebenserwartung der Patienten hinaus. KNOCHENABBAU IN RELATION ZUM LEBENSALTER ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden. Quelle: [Lundgren et al., 2008]

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