Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 1-2

56 | ZAHNMEDIZIN und den zeitlichen Mehraufwand bei der Bildauswertung rechtfertigt. Ein Übersichtsartikel von Kruse et al. [2015] hat 25 zwischen 2000 und 2013 erschienene Studien, die die Dentale Volumentomografie im Rahmen der Diagnostik und Therapie der endodontisch bedingten periapikalen Läsionen untersucht hatten, ausgewertet. Das DVT zeigt eine höhere Sensitivität in Bezug auf die Aufdeckung periapikaler Veränderungen. Diese Erkenntnis ist jedoch aus Ex-vivo-Studien (also Studien mit extrahierten Zähnen) gewonnen worden, bei denen mechanisch oder chemisch induzierte Läsionen beurteilt wurden. Diese Erkenntnisse sind nicht unbedingt auf die klinische Situation übertragbar, da die scharf begrenzten Läsionen sich fundamental von den unregelmäßigen natürlichen Läsionen unterscheiden. Aus der analysierten Literatur konnten keine Vorteile für den Patienten herausgearbeitet werden. Keine Studie konnte zeigen, dass der zusätzliche Einsatz der DVT einen Einfluss auf die Diagnosefindung oder den Behandlungserfolg hat. Die Übersichtsarbeit zeigt deutlich, dass ungeachtet der Vorteile bei der Darstellung der apikalen Läsion keine therapierelevanten Vorteile aus der 3-D-Darstellung erwachsen, die das Verfahren als Standarddiagnostik rechtfertigen könnten. Eine Studie von Kruse et al. [2019] evaluierte die Zuverlässigkeit von DVTAufnahmen hinsichtlich der Diagnose einer apikalen Parodontitis. Die Studie wurde anLeichenkieferndurchgeführt, dabei wurden die röntgenologischen Befunde mit histologischen Befunden verglichen. Der Studie nach existiert ein nicht unerhebliches Problem bei der Untersuchung wurzelgefüllter Zähne, die im DVT zu signifikant mehr falsch negativen und falsch positiven periapikalen Befunden führt. Als Ursache kommen Artefakte durch die Radioopazität der Inhaltsstoffe der Wurzelfüllung infrage. Dieses Phänomen wurde bereits von Schulze et al. [2011] beschrieben. Ein anderer möglicher Grund, der in dem Artikel diskutiert wird, ist die Tatsache, dass bei Zähnen nach endodontischer Behandlung ein verbreiterter Parodontalspalt aufgrund der langsamen Ausheilung noch lange Zeit röntgenologisch zu erkennen ist, obwohl histologisch keine Entzündungszeichen mehr erkennbar sind. Aus der vorhandenen Literatur ist bekannt, dass das DVT mehr periapikale Läsionen aufzeigt als der Zahnfilm [Venskutonis et al., 2014; Torabinejad et al., 2018]. Dies wird unisono als positiv bewertet. Es ist aber durchaus zu hinterfragen, ob dies nicht zur Überdiagnose und Übertherapie führt. Mit der Frage der daraus resultierenden klinischen Entscheidungsfindung beschäftigt sich eine Studie von Mota de Almeida et al. [2016], die untersuchte, ob die dreidimensionale Darstellung der zu behandelnden Zähne zu einer veränderten Therapieentscheidung beziehungsweise einem höheren Konsens unter Behandlern bezüglich der optimalen Therapie beitragen kann. Für eine Gruppe von 34 Patienten mit 39 wurzelgefüllten Molaren und einer vermuteten apikalen Parodontitis wurde von fünf Endodontie-Spezialisten anhand einer fiktiven Fremdanamnese und der Mundfilmaufnahmen zunächst für jeden Zahn eine Therapieentscheidung (1. keine Behandlung, 2. Revision der Wurzelkanalbehandlung, 3. WSR, 4. Extraktion) getroffen. Nach ein bis drei Monaten durften die fünf Prüfärzte noch die vorhandenen 3-D-Aufnahmen begutachten und einen neuen Therapievorschlag unterbreiten. Die mit eingeflossenen 3-D-Aufnahmen haben nicht zu einer Erhöhung des Entscheidungskonsenses, aber insgesamt zu einer invasiveren Therapieentscheidung geführt. Die Gefahr der Überdiagnose undÜbertherapie stellt sich insbesondere bei der Beurteilung der Ausheilung im Rahmen der halb- oder jährlichen Nachuntersuchung wurzelspitzenresezierter Zähne. Da auch die DVT-Aufnahme, genauso wie der Zahnfilm, nicht zwischen Granulations- und Narbengewebe differenzieren kann, sondern dieses nur besser erkennbar darstellt, sollte eine Entscheidung zur erneuten invasiven Therapie (WSR-Revision) oder gar der Zahnentfernung umsichtig erfolgen, insbesondere wenn die Patienten keine klinischen Symptome aufweisen. Während DVT-Aufnahmen ausschließlich zur Beurteilung periapikaler Läsionen nur einen begrenzten Mehrwert für die angestrebte operative Therapie liefern, gerät die zweidimensionale Diagnostik zur Beurteilung angrenzender Strukturen wie den Kieferhöhlen an ihre Grenzen. Ausprägung, Lage und Morphologie von odontogenen Kieferhöhlenpathologien lassen sich nur schwer aus Panoramaschichtaufnahmen oder Zahnfilmen ableiten. In circa 30 Prozent der Fälle ist eine Sinusitis maxillaris dentogener Herkunft [Psilas et al., 2021]. Apikale ParodontopaAbb. 7: Problematisch in Bezug auf ein späteres Hartgewebsdefizit sind Fälle, in denen durch die infektionsbedingte Osteolyse die vestibuläre Knochenlamelle stark oder vollständig dezimiert worden ist (Klasse D-F nach [Kim, 2000]). Das ist besonders häufig der Fall, wenn die apikale Osteolyse bis in den Furkationsbereich von Molaren fortschreitet. Foto: Matthias Kreisler zm113 Nr. 01-02, 16.01.2023, (56)

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