Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 10

zm ( ) 44 | ZAHNMEDIZIN dass sich die Pulpa durch ins Wundgebiet verschleppte Bakterien infiziert. Bei Zähnen mit nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum ist der erneute Anschluss an die Blutversorgung (Revaskularisation) grundsätzlich möglich und wird mit bis zu 30 Prozent angegeben [Andreasen et al., 1995a; Amaro et al., 2021]. Daher ist die Therapie bei Zähnen mit geschlossenem und mit offenem Apex aus endodontischer Sicht unterschiedlich. Nach Abschluss dieser Akutmaßnahmen folgt die weitere Behandlung des replantierten Zahnes, die sich an zwei wesentlichen Fragen orientiert: „ Handelt es sich um einen Zahn mit geschlossenem oder mit offenem Apex? „ Wie ist die Prognose des replantierten Zahnes aufgrund des Zustands der desmodontalen Zellen zu bewerten (Trockenlagerungszeit, Lagerungsmedium, etc.)? Zähne mit geschlossenem Apex: Da bei Zähnen mit geschlossenem Apex unabhängig vom Lagerungszustand von einer Pulpanekrose ausgegangen werden muss, ist die zeitnahe endodontische Behandlung indiziert. Unterschreitet die Trockenlagerungszeit 60 Minuten, ist eine Vitalerhaltung der desmodontalen Zellen möglich und steht zunächst im Vordergrund. Eine endodontische Behandlung sollte nach Replantation und vor Schienenentfernung eingeleitet werden. Nach der Trepanation und der Wurzelkanalaufbereitung erfolgt eine temporäre Einlage durch ein Mischpräparat bestehend aus Triamcinolonacetonid und Demeclocyclin oder Kalziumhydroxid. Die Wurzelkanalfüllung kann nach drei Monaten beziehungsweise nach Ausschluss von resorptiven Veränderungen an der Zahnwurzel vorgenommen werden. Für den Fall einer extraoralen Trockenlagerungszeit des avulsierten Zahnes von mehr als 60 Minuten ist von devitalen Zellen auf der Wurzeloberfläche auszugehen. In diesem Fall kann der Zahn vor der Replantation extraoral trepaniert und mit einer medikamentösen Einlage versorgt werden oder, wie oben beschrieben, sieben bis zehn Tage nach dem Trauma vor der Schienenentfernung. Von der Entwicklung einer knöchernen Ersatzresorption und Ankylosierung der Zahnwurzel ist in diesem Fall auszugehen. Zähne mit offenem Apex und kurzer Trockenlagerungszeit: Bei replantierten avulsierten Zähnen mit offenem Apex sollte die Einschätzung der Prognose der Desmodontalzellen in derselben Weise wie bei Zähnen mit geschlossenem Apex erfolgen. Entscheidend ist dabei die Lagerung und im ungünstigsten Fall die Dauer der Trockenlagerungszeit des avulsierten Zahnes. Die endodontische Therapie unterscheidet sich jedoch aufgrund der Möglichkeit einer spontanen Revaskularisation und Gewebseinsprossung über den noch offenen Apex bei adäquater extraoraler Lagerung. Daher sollte bei avulsierten Zähnen mit offenem Apex keine unmittelbare Wurzelkanalbehandlung erfolgen, wenn die Trockenlagerungszeit 60 Minuten unterschreitet. Dennoch kann es notwendig werden, auch bei Zähnen mit offenem Apex endodontische Maßnahmen einzuleiten. Ausschlaggebend ist dabei jedoch nicht die ausbleibende Reaktion auf den Sensibilitätstest, sondern die Entwicklung von Entzündungs- oder Resorptionsprozessen. Es sollte daher ein engmaschiger Recall durchgeführt und bei pathologischen Befunden eine Apexifikation eingeleitet, ein apikaler Verschluss mit hydraulischem Kalziumsilikatzement (Abbildung 5) oder eine Revitalisierung durchgeführt werden [Mente et al., 2013; Mente et al., 2009; Galler et al., 2016; Cvek, 1992]. Zähne mit offenem Apex und langer Trockenlagerungszeit: Bei Zähnen mit offenem Apex und einer Trockenlagerungszeit von mehr als 60 Minuten sollte analog zu Zähnen mit geschlossenem Apex die endodontische Behandlung zeitnah eingeleitet werden, da von einer Nekrose der Pulpa und einer starken Schädigung des Desmodonts ausgegangen werden muss. Nr. 10 16.05.2023, (838) Empfehlung: Endodontische Behandlung bei Avulsion von Zähnen mit geschlossenem Apex Empfehlungsgrad Die Wurzelkanalbehandlung von replantierten avulsierten Zähnen mit geschlossenem Apex sollte unmittelbar vor der Schienenentfernung innerhalb von sieben bis zehn Tagen nach dem Trauma eingeleitet werden. Konsensstärke: starker Konsens Abb. 6: Apexifikation: a: Langzeiteinlage Kalziumhydroxid, b: zervikale Wurzelfraktur während Apexifikationsbehandlung mit KalziumhydroxidLangzeiteinlage Foto: Gabriel Krastl a b

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