Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 07

ZAHNMEDIZIN | 53 kend auf die Bruxismusaktivität auswirken. Die Pandemie hatte beispielsweise einen negativen Einfluss auf die Bruxismusprävalenz: In Familien mit niedrigem Bildungsniveau wurden ein signifikanter Anstieg von Bruxismus, die vermehrte Nutzung elektronischer Geräte und häufigere Schlafstörungen beobachtet [Lima et al., 2022]. Ähnlich verhält es sich mit dem Passivrauchen, dem besonders Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus ausgesetzt sind. Kinder, die dauerhaft Zigarettenrauch einatmen, haben ein erhöhtes Risiko für Bruxismus. Aus diesen Beobachtungen kann geschlussfolgert werden, dass eine Verbesserung der Lebensumstände ganz allgemein zur Reduktion von Bruxismusaktivitäten führt. Kieferorthopädische Intervention Bruxismus an sich ist keine Indikation dafür, eine kieferorthopädische Therapie zu beginnen. Wenn nicht eindeutige Zwangsführungen wie die infolge des posterioren unilateralen Kreuzbisses [Tecco und Festa, 2010] vorliegen, scheinen Zahn- und Kieferfehlstellungen keine Auswirkungen auf Bruxismusaktivitäten zu haben. Es wurde sogar nachgewiesen, dass sich Bruxismus in der Population während der kieferorthopädischen Therapie vorübergehend verringert [Hirsch, 2009]. Dies wurde auch in konkreten Patientenkollektiven bei der Therapie mit einer Unterkiefervorschubplatte (MAA = Mandibular Advancement Appliance) in der Altersgruppe 12 bis 19 Jahre beobachtet [Carra et al., 2013]. Die transversale Erweiterung des Oberkiefers erzielte eine Reduktion der Muskelaktivität in der Altersklasse 8 bis 12 Jahre [Bellerive et al., 2015] und kann somit als indirekter Ansatz für eine Reduzierung von Bruxismus angesehen werden. Der Grund dafür kann eine Verbesserung der Atmung sein, darauf wird im Folgeabschnitt eingegangen. Atemwegsmanagement Die ungehinderte Atmung, insbesondere die natürliche (Nasen-)Atmung, ist entscheidend für eine gute Schlafqualität. Besonders deutlich wird dies bei Erkrankungen mit Atemwegsobstruktion. Dies bestätigt eine Studie mit 151 Schulkindern, bei der ein Zusammenhang zwischen Schlafbruxismus und Mundatmung festgestellt wurde. Daraus lässt sich schließen, dass die Umstellung von der Mund- auf eine natürliche, physiologische Nasenatmung den Bruxismus minimieren kann. In diesem Kontext wurde beobachtet, dass bestimmte chirurgische Eingriffe wie die Adenotonsillektomie bei Kindern mit Tonsillenhyperplasie eine Verbesserung der schlafbezogenen Atmungsstörungen und zusätzlich eine Reduktion von Bruxismus bewirken konnten. Dieser Effekt beruht auf einer Verbesserung der Atemwegspermeabilität [DiFrancesco et al., 2004]. Da Schnarchen häufig ein Zeichen für die Verlegung der Atemwege darstellt, sollte bei Kindern mit Bezug zu Bruxismus auf die Therapie des Schnarchens ein besonderes Augenmerk gelegt werden. Verbesserung der Schlafqualität Auch Schlafstörungen, die in einem engen Verhältnis mit dem Atemwegsmanagement stehen, haben sich als wesentlicher Begleitbefund für Bruxismus herauskristallisiert. Für einen ungestörten Nachtschlaf spielen neben der Freiheit der Atemwege Faktoren wie Lärm, Licht und Temperatur eine große Rolle. Dies ist biologisch plausibel, doch bislang fehlen Studien, die die Evidenz dafür generieren können [Castroflorio et al., 2015]. In einem systematischem Review von DelRosso et al. wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Therapie der sogenannten Restless Sleep Disorder (RSD) eine Verbesserung des Nachtschlafs bewirkt – somit könnten möglicherweise auch Erscheinungen wie Bruxismus wirksam reduziert werden [DelRosso et al., 2021]. Reduktion des Medienkonsums Medien wie der klassische Fernseher können aufgrund des sogenannten blauen Lichts zu Einschlafproblemen und einer kürzeren Gesamtschlafdauer führen. Das gilt auch für Smartphones oder Tablets, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Bereits jedes zweite Kleinkind zwischen sechs Monaten und vier Jahren hat Zugriff auf solche Geräte [Sierwald et al., 2015]. Eine Studie ergab, dass Teenager im Alter von 13 bis 15 Jahren, die ständig nachts aufwachen, Gesundheitsprobleme haben können. Die Nutzung von Smartzm114 Nr. 07, 01.04.2024, (551) THERAPIEKONZEPTE FÜR BRUXISMUS IM KINDES- UND JUGENDALTER Therapiekonzept 0–6 Jahre 6–12 Jahre ab 13 Jahre Medikamente „ Flurazepam „ Hydroxyzin „ Trazodon „ Imipramin „ Diazepam x x – x x x x x x x x x x x Psychologische Intervention „ Progressive Muskelentspannung x Physiotherapie Schienentherapie „ Starre Aufbisschiene „ UK-Adapationsschiene x x x KFO „ Festsitzende Apperatur „ Schnelle OK-Erweiterung „ Gaumennahterweiterung/ Transversale Erweiterung x x x x x x Alternative Verfahren „ Melissa officinalis + Phytolacca decandra in Kombination x x Tab. 2, nach [Chisini et al., 2020]

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