22 | POLITIK zm116 Nr. 03, 01.02.2026, (116) An welchen Stellen könnte aus Ihrer Sicht eine intensivere interdisziplinäre Zusammenarbeit die Mundgesundheit in der häuslichen Pflege unterstützen – und wie? Nitschke: Ich fände es gut, wenn zum Beispiel die geriatrischen Ärzte, die in der Akutgeriatrie arbeiten oder die Reha durchführen, in ihrem Arztbrief an den Hausarzt schreiben: „Bitte regen Sie an, dass sich der Patient regelmäßig seinem Zahnarzt vorstellt." Oder wenn der Hausarzt bei den älteren Patienten nachfragt: „Wann waren Sie das letzte Mal beim Zahnarzt?“ Das wäre sehr hilfreich. Die Vernetzung der Berufsgruppen und die Überleitung der Patienten sindeinoffenes gesundheitspolitisches Thema. Eine bessere Zusammenarbeit wäre auch bei den Narkosen sinnvoll. Schmidt: Während meiner Tätigkeit in der Abteilung für Behindertenorientierte Zahnmedizin an der Universitätszahnklinik Witten haben wir als Team eingeführt, dass alle Patientinnen und Patienten in Vorbereitung auf den Anästhesie-Vorstellungstermin einen Termin bei ihrem Hausarzt beziehungsweise ihrer Hausärztin vereinbaren müssen. Wir haben dann immer einen Informationsbrief mit einer Checkliste an den Hausarzt beziehungsweise die Hausärztin ausgestellt und über die anstehende Narkosebehandlung informiert. Wenn daraufhin etwa die Rückmeldung kam, dass kooperationsbedingt bei einem Patienten im Wachzustand keine Blutentnahme präoperativ möglich war, haben wir angeboten, dies – ebenso wie gegebenenfalls andere medizinische Untersuchungen – mitzudenken. Neben einer guten Planung und Vorbereitung müssen in der Behandlung und Versorgung von Menschen mit Behinderungen eine gewisse Flexibilität und Improvisationskraft Raum finden. Wir sagen auch proaktiv aus der Zahnmedizin heraus: „Kommt, nutzt die Ressourcen, die wir euch bieten." Meistens sind diese Maßnahmen sogar zeitlich gut planbar. Umgekehrt hilft es uns, wenn die Pädiater auf uns zukommen und uns auf einen dunklen Zahn hinweisen. Ich spreche hier zwar für die Uniklinik, aber das gilt auch in der Praxis. Regionale Netzwerke zwischen den medizinischen und den zahnmedizinischen Disziplinen zu knüpfen ist sehr wichtig. Welche Voraussetzungen braucht es für eine angemessene Mundgesundheit in der häuslichen Pflege: formal, gesellschaftlich,gesundheitspolitisch? Schmidt: Es ist nachvollziehbar, dass die zahnmedizinische Betreuung für zu Hause lebende Menschen mit Behinderungen durch die Kollegenschaft im Vergleich zu Pflegeeinrichtungen aktuell deutlich geringer ausfällt. Die Kooperationsverträge sind auf Basis von § 119b geregelt, was keine Wohnformen für Menschen mit Eingliederungshilfe oder Behinderung inkludiert. Ich appelliere an alle politischen Akteure, diese Ungleichheit schnellstmöglich zu beseitigen. Wenn wir an dieser Stelle etwas weiterdenken, werden die Unterschiede zur Seniorenzahnmedizin noch deutlicher. Wir wissen beispielsweise nichts über die Mundgesundheit von Kindern in Hospizen, stationären Kinder- und Jugendwohngruppen oder anderen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Da sind wir auch wissenschaftlich mit Daten noch sehr schlecht aufgestellt. Es liegt an uns in der Zahnärzteschaft, hier flächendeckend ein bisschen Bewegung zu zeigen und zu sagen: „Wir kommen auch gern zu diesen Patientinnen und Patienten.“ Sie haben einen großen Erfahrungsschatz im Umgang mit Menschen mit Pflegebedarf. Welche Botschaften wollen Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen mitgeben? Nitschke: Für unser Feld, die Seniorenzahnmedizin, sage ich immer: „Klein anfangen, daran wachsen und im Team zusammen Spaß haben.“ Dann erleben wir oft sehr dankbare Patienten. Schmidt: Das sehe ich auch so. Niedrigschwellig anfangen und Ideen ausprobieren. Es gibt für alles Optionen und jedes Konzept hat seine Berechtigung, da alle Kollegen immer im Rahmen der Möglichkeiten, des eigenen Settings, der eigenen Gegebenheiten handeln. Das ist wunderbar und kann andere motivieren. Nitschke: Klein anfangen heißt: lernen, „den Koffer zu packen“. Eine kleine Tasche, in der Spiegel, Sonde, Pinzette und so weiter drin sind. Dann wird der Inhalt des Koffers nach und nach umfangreicher und man wächst in die Aufgabe hinein. Irgendwann merkt das Praxisteam, wie dankbar die Patienten sind. Es ist toll, diese Dankbarkeit zu spüren. Manche hängen sich sehr rein und es macht der ganzen Praxis Spaß. Schmidt: Gern möchte ich von einem für mich prägenden Moment berichten: Wir haben bei einem jungen Mann mit einer Autismus-SpektrumStörung Zahnstein entfernt; und die Behandlung war schon herausfordernd für den jungen Mann. Die Eltern haben mich bei der Durchführung sehr gut unterstützt und wir haben am Ende nach ausreichend Zeit und Pausen alles geschafft. Dann kam der Patient zu mir und legte seinen Kopf auf meine Schulter, worauf die Eltern sagten, dass sie das so bei einem Arzt noch nicht erlebt hatten. Das hat mich schon sehr berührt – und ja: Das muss man einfach nur mal auf sich wirken lassen. Das Gespräch führte Dr. Simon Stepien, CP GABA. Die Langversion finden Sie in unserem Online-Heftarchiv (zm 3/2026). DIE KERNBOTSCHAFTEN DER BEIDEN EXPERTEN n Vorbereitung und Versorgungsdiagnose in der Seniorenzahnmedizin gut planen n mit Eltern und Begleitpersonen frühzeitig zusammenarbeiten n der Expertise von Eltern, Begleitpersonen und pflegenden Angehörigen Raum geben n Angehörige in Pflegeeinrichtungen stärker einbinden n das um die Patienten befindliche medizinische Netzwerk stärken und den Austausch fördern n Versorgungsdifferenzen benennen und beseitigen n klein anfangen und die Dankbarkeit der Patienten als Motivator wertschätzen
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