Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 4

12 | ZAHNMEDIZIN 20. HAMBURGER ZAHNÄRZTETAG Die Zahnmedizin der Zukunft Wie wird die Zukunft der Zahnmedizin aussehen, welche Innovationen werden wichtig werden und wie können Praxen die Trends und Entwicklungen bei Technologien und in der Versorgung nutzen? Beim Hamburger Zahnärztetag ging es um Orientierung in einer Welt, die sich nicht nur zahnmedizinisch, verändert. Um beim Jahreskongress der Hamburger Zahnärzte dabei zu sein, hatten sich 580 Zahnärztinnen und Zahnärzte zur Jubiläumsveranstaltung am 23. und 24. Januar angemeldet. Konstantin von Laffert, Präsident der Zahnärztekammer Hamburg, kam in seiner Begrüßungsrede direkt auf das Thema zu sprechen: „Wir wollen einen Blick in die Zukunft werfen und zeigen, welche Möglichkeiten wir haben.“ Die Herausforderungen durch die allseits in den Alltag einsickernden KI-Technologien seien groß – das biete Chancen, aber: „Wir müssen immer prüfen, ob das, was wir uns vorgeben lassen, auch zutreffend ist. Das gilt natürlich in besonderem Maße für unsere zahnärztliche Tätigkeit“, sagte von Laffert. Das von PD Dr. Oliver Ahlers, Fortbildungsreferent der Zahnärztekammer Hamburg, und seinem Team gestaltete wissenschaftliche Programm nahm in diesem Jahr die Rahmenbedingungen, Trends und Entwicklungen der Berufsausübung in den Blick. So beschäftigte sich der Eröffnungsvortrag mit den Patienten der Zukunft. Seniorpartner Oliver Rong von der Unternehmensberatung Roland Berger in Hamburg und dort verantwortlich für den Bereich Gesundheitswesen, sagte, die Zahnmedizin sei in der GKV nur „stiefmütterlich“ vertreten, deshalb müssten die Patienten heute bereits viel selbst zahlen. Wer Leistungen selbst trage, sei jedoch viel sensibler im Hinblick auf Qualität und die Kundenorientierung. Das gelte für die gesamte Medizin, für die Rong insgesamt mehr Selbstbeteiligungen erwartet. Deshalb müssten alle Arztgruppen insgesamt „kundenorientierter“ werden. „Was will der Patient und was ist der Patient? Er ist informiert, er ist selber digital unterwegs, er begegnet Ihnen auf Augenhöhe. Er erwartet Qualität und moderne Technologie. Er hat eine Anspruchshaltung!" Das müsse man im Umgang berücksichtigen. Rong gab auch konkrete Handlungstipps: „Machen Sie das Thema Digitalisierung komplett prozessreif“ und „Binden Sie Ihre Kunden langfristig über Prävention. Der Patient kommt dann nicht nur, wenn er einen Zahnschmerz hat, sondern immer. Und das sollten Sie nutzen!“. Die KI darf unseren kritischen Blick nicht eintrüben Prof. Dr. Falk Schwendicke (München) beschäftigte sich mit der Frage, wie KI diagnostische Prozesse beeinflusst. Die Digitalisierung verändere zunächst einmal nur die Datenerhebung, nicht die Interpretation. Die gewonnenen Daten müssten dann vom Arzt in den Patientenkontext eingeordnet und mit eigener klinischer Erfahrung und Leitlinienwissen abgeglichen werden. Dabei müssten Entscheidungen auch bei Unsicherheiten über gegebenenfalls unvollständige Daten oder bei schwierigen Risiko-Nutzen-Abwägungen getroffen werden – das sei der menschlichen Intelligenz vorbehalten. Schwendicke verwies auf Verzerrungsrisiken wie den „Automation Bias“ mit dem „Risiko des blinden Vertrauens“ in die KI. Wenn beispielsweise die KI bei der Röntgenbildanalyse eine Kariesläsion übersieht, gehe der Behandler fälschlicherweise von einem „sauberen Scan“ aus. Die Folge: übersehene Befunde. Wenn dagegen die KI fälschlicherweise etwas markiert, führe blindes Vertrauen zur Überbehandlung von gesundem Gewebe. Verschiedene Studien hätten gezeigt, dass Zahnärzte in den Behandlungen invasiver werden, wenn sie mit KI arbeiten. „Sie bohren schneller, weil sie sich sicherer wähnen. Da kann es passieren, dass Kariesläsionen im Schmelz behandelt werden, die vorher gar nicht gesehen worden wären“, so Schwendicke. Der Effekt finde sich auch in der Medizin: In der KI-gestützten Koloskopie würden mehr Auffälligkeiten gefunden und es werde mehr reseziert. Als Gegenmittel rät Schwendicke zur Maxime „Vertrauen, aber überprüfen“. Die Bildgebung solle immer zuerst ohne KI betrachtet werden, KI als Zweitmeinung genutzt werden. „Wir müssen unseren kritischen Blick behalten“ appellierte Schwendicke. Auch Prof. Dr. Jan-Frederik Güth (Frankfurt) warnte in seinem Vortrag „Digitale Restaurationen: Wo geht die Reise hin?“ vor blindem Technikvertrauen. Die ärztliche Kunst werde durch KI nicht ersetzt: Künstliche Intelligenzen könnten zwar diagnostische Fähigkeiten von Menschen überholen, aber selbst wenn wir alle Informationen hätten, bliebe doch grundsätzlich die Einschätzung und die daraus entwickelte therapeutische Entscheidung beim Menschen. Güth sieht KI und digitale Technologien als ganz normales Werkzeug in der Hand des Arztes, wobei das Digitale einen klinisch relevanten Mehrwert bieten müsse: „Digital und analog ergibt Dialog“. br Konstantin von Laffert, Präsident der Zahnärztekammer Hamburg begrüßt die Teilnehmer des Hamburger Zahnärztetages. Foto: Saskia Giebel/ZÄK Hamburg zm116 Nr. 04, 16.02.2026, (202)

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