18 | POLITIK INTERVIEW MIT DR. REBECCA OTTO ZU ZAHNÄRZTINNEN IN FÜHRUNGSPOSITIONEN „Es braucht weibliche Vorbilder!“ Dr. Rebecca Otto ist niedergelassene Kinderzahnärztin in Jena, Co-Vorsitzende der Spitzenfrauen Gesundheit und Präsidentin von Dentista, dem Verband der ZahnÄrztinnen. Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März erläutert sie, warum es für Frauen im Gesundheitswesen schwierig ist, in eine Führungsposition aufzusteigen und warum es wichtig ist, das zu ändern. Frau Dr. Otto, die Mehrheit der Beschäftigten im Gesundheitswesen ist weiblich. In Führungspositionen sind Frauen allerdings deutlich unterrepräsentiert, gerade in Spitzenpositionen. Woran liegt das? Dr. Rebecca Otto: An der Ausbildung und Motivation von Frauen jedenfalls nicht, diese ist in allen Bereichen gleichwertig. Allerdings ist das Gesundheitssystem in Deutschland sehr hierarchisch strukturiert; informelle Machtstrukturen spielen darin eine große Rolle. Zudem sind Führungspositionen häufig von langen Arbeitszeiten geprägt, verbunden mit Abendund Wochenendterminen. Für Frauen, die meist den Großteil der Arbeit in der Familie, in der Pflege und im Haushalt übernehmen, ist es aber schwierig bis unmöglich, jedes Wochenende an Sitzungen teilzunehmen. Wenn man Frauen in Führungspositionen haben möchte, muss man daher dafür sorgen, dass es entweder weniger Abend- und Wochenendtermine gibt oder aber Möglichkeiten schaffen, dass diese von Frauen wahrgenommen werden können. Liegt es in erster Linie an den Rahmenbedingungen oder trauen sich Frauen auch selbst zu wenig zu? Es mangelt nicht an Frauen, die Ambitionen haben und die das Gesundheitssystem mitgestalten wollen. Oft fehlen allerdings weibliche Vorbilder. Schon an den Universitäten gibt es nur wenige Professorinnen. In erster Linie sind jedoch verkrustete Strukturen und schwierige Rahmenbedingungen dafür verantwortlich, dass Frauen in Führungs- und Spitzenfunktionen bislang wenig vertreten sind. Familienarbeit hängt meist an den Frauen. Ist die Situation in der Zahnmedizin vergleichbar mit der in anderen Gesundheitsberufen oder gibt es Besonderheiten? In Zahnarztpraxen ist die Situation natürlich eine andere als beispielsweise an Unikliniken. An den medizinischen und zahnmedizinischen Fakultäten der Universitäten sind immer noch viele formelle Strukturen in der Historie begründet und Hierarchien sehr stark ausgeprägt. Lange Arbeitszeiten lassen sich dort nicht mit Teilzeit und Homeoffice vereinbaren. In den Praxen können die Inhaberinnen und Inhaber die Rahmenbedingungen dagegen weitestgehend selbst mitgestalten. Aber auch dort hängt die Familienarbeit oft an den Frauen. Es ist gesellschaftlich einfach akzeptiert, dass sich in erster Linie Frauen um Kinder und pflegebedürftige Angehörige kümmern. Das zeigt sich auch darin, dass Praxisinhaberinnen mit Kindern deren notwendige Betreuung nicht steuerlich absetzen können. Auch das Ehegattensplitting führt dazu, dass der Ehepartner mit dem geringeren Einkommen – und das ist oft die Frau – die Kinder betreut. Zudem fehlen Regelungen für niedergelassene Zahnärztinnen in Bezug auf Schwangerschaft, Mutterschutz und Stillzeit. Wie soll eine Zahnärztin mit einer Einzelpraxis auf dem Land, die gerade entbunden hat und alleinerziehend ist, nachts den zahnärztlichen Notdienst übernehmen? Es ist ja nicht immer möglich, eine Vertretung zu organisieren. Wie sieht es in der zahnärztlichen Standespolitik aus? In der zahnärztlichen Standespolitik finden viele Termine am Wochenende statt, und Vorstandssitzungen dauern bis zu acht Stunden. Das ist – im Übrigen nicht nur für Frauen – schwierig und wenig attraktiv. Dennoch sind die Zeiten, in denen in Gremien eine einzige Frau in einem Raum mit 100 Männern sitzt, zum Glück vorbei. Aber noch immer sind Frauen in den Kammern und Verbänden in der Minderheit. Themen, die für Frauen relevant sind, stehen zu wenig im Fokus. 2015 war ich Vorständin der Landeszahnärztekammer ThüringenundhabemeinenSohnbekommen.ZweiWochen Dr. Rebecca Otto leitet eine Kinderzahnarztpraxis in Jena. Als Präsidentin von Dentista und Co-Vorsitzende der Spitzenfrauen Gesundheit setzt sie sich für mehr Frauen in der Standespolitik und in Führungspositionen ein. Foto: Christian Schlüter zm116 Nr. 05, 01.03.2026, (300) „In erster Linie sind verkrustete Strukturen und schwierige Rahmenbedingungen dafür verantwortlich, dass Frauen in Führungs- und Spitzenfunktionen bislang wenig vertreten sind.“
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