24 | ZAHNMEDIZIN INTERVIEW MIT PROF. DR. A. RAINER JORDAN ZUR DMS • 6 „Die Prävention der Parodontitis ist die größte sozialmedizinische Aufgabe“ Das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ), die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) haben den zweiten Teil der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS • 6) in Berlin vorgestellt. Längsschnittanalysen zeichnen die Entwicklung der Mundgesundheit der Bevölkerung nach und geben zum ersten Mal detaillierte Einblicke in individuelle Krankheitsverläufe. Zum Auftakt unserer sechsteiligen Reihe zur DMS • 6 sprachen wir mit dem wissenschaftlichen Direktor des IDZ, Prof. Dr. A. Rainer Jordan, über die Ergebnisse. Was haben Sie in der zweiten Welle der DMS • 6 untersucht? Prof. Dr. A. Rainer Jordan: Umweiterführenden wissenschaftlichen Fragestellungen nachgehen zu können, wurden in einem längsschnittlichen Studienarm Teilnehmende der Vorgängerstudie nach neun Jahren erneut sozialwissenschaftlich befragt und zahnmedizinisch-klinisch untersucht. Diese Verlaufsbeobachtung der Mundgesundheitssituation von Studienteilnehmenden aus der Vorgängerstudie erlaubt sowohl die Berichterstattung von Inzidenzen als auch von Progressionen oraler Erkrankungen. Die Inzidenz beschreibt das Auftreten neuer Krankheitsfälle, bezogen auf eine festgelegte Zeitspanne. Die im Rahmen der DMS • 6 berichtete kumulative Inzidenz beschreibt den Anteil der Studienteilnehmenden, die über den Beobachtungszeitraum von neun Jahren zwischen DMS-V-Baseline und DMS • 6Follow-up neu erkrankt sind, ausgehend von einem (natur-)gesunden Ausgangszustand. Bei Progressionen wird in derselben Weise über den Erkrankungsfortschritt bereits etablierter Erkrankungen berichtet. Was haben Sie herausgefunden? Grundsätzlich können wir feststellen, dass sich im Zusammenhang mit einer präventiv ausgerichteten, zahnmedizinischen Gesundheitserziehung und einer guten, bevölkerungsweiten zahnmedizinischen Versorgung im Zeitalter der Prävention der Verlauf wichtiger, chronischer Krankheiten, nämlich der Karies (immerhin die weltweit häufigste chronische Erkrankung!) und der Parodontitis (als der weltweit sechsthäufigsten chronischen Erkrankung), für lange Zeiträume kontrollieren lässt. Ich lese aus unseren Daten aber auch heraus, dass Mundgesundheit ungleich verteilt ist. Angesichts der ungebrochen hohen Prävalenzen der Parodontitis sehe ich – neben wichtigen Aufgaben in der Risiko- und Senioren-Zahnmedizin – in der (wie bei der Karies äquivalenten) Prävention der Parodontitis die größte sozialmedizinische Aufgabe. Gab es Überraschungen? Ich denke, viele Menschen haben erwartet, dass der Siegeszug der Prävention bei jungen Menschen weiter voranschreitet. Für das Wechselgebiss gilt das auch, denn der Anteil kariesfreier 8- und 9-jähriger Kinder hat sich in den letzten Jahrzehnten verdreifacht und die mittlere Karieserfahrung ist auf ein Viertel zurückgegangen. Bei den 12-Jährigen sehen wir stattdessen eine Konsolidierung der bisherigen primären Präventionserfolge. Ich glaube, dass es sich hierbei um einen sogenannten Periodeneffekt handelt, nämlich den der Corona-Pandemie: Gerade in einem sensiblen Alter der Kariesanfälligkeit, kurz nach dem Durchbruch bleibender Zähne, mussten infolge dieser globalen „Periode“ die Maßnahmen der Gruppen- und Individualprophylaxe bei den zum Untersuchungszeitpunkt 12-Jährigen heruntergefahren werden, was sicherlich ein Nachteil für Hochrisikokinder für Karies bedeutete und insgesamt dazu geführt hat, dass die Präventionserfolge bei den 12-Jährigen stagnieren. Denn wir sehen an den Zahlen auch, dass sich die Mundgesundheit bei Kindern ohne erhöhtes Kariesrisiko weiter verbessert hat. Diese Ergebnisse mahnen, dass man sich auf bereits erreichten Erfolgen der Prävention nicht ausruhen darf, sondern dass Prävention für langfristige Erfolge dauerhaft betrieben werden muss. Gibt es auch Erkenntnisse zum Kariesund Parodontitisrisiko für Menschen mit Systemerkrankungen? Diabetes gehört zu den wichtigen chronischen Erkrankungen und steht damit in der Zahnmedizin mit den chronischen Erkrankungen auf einer Stufe, da sie gemeinsame Risikofaktoren aufweisen. Die wechselseitigen BedingunIDZ-Direktor Prof. Dr. A. Rainer Jordan leitete die DMS • 6. Foto: IDZ zm116 Nr. 08, 16.04.2026, (594)
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