Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 8

zm116 Nr. 08, 16.04.2026, (596) 26 | ZAHNMEDIZIN Welche Erkenntnisse ergeben sich für die Prävention? Und was sind die Folgen für die Versorgung? Die Erfolge der Prävention haben zu einer erheblichen Reduktion der operativen Behandlungsbedarfe in der Zahnmedizin geführt. Wir haben in der DMS • 6 gezeigt, dass der Aufwuchs in eine präventions-orientierte zahnmedizinische Welt bis zur Mitte des Lebens wirken kann: Präventionsexpansion. Gleichzeitig verfestigt sich ein anderer Trend: Die Morbiditätskompression. Chronische Erkrankungen wie Karies und Parodontitis lassen sich heute durch eine lebenslange Prävention deutlich nach hinten verschieben. Dies führt zu mehr gesunden Lebensjahren, aber auch zu einer ErkrankungsZunahme im Alter. Diese beiden MegaTrends können wir mit Zahlen belegen. Für die Versorgung bedeutet dies, dass die Anforderungen an die Seniorenzahnmedizin in den kommenden Jahrzehnten erheblich ansteigen werden – mit allen Auswirkungen, die das von der Ausbildung zahnmedizinischen Fachpersonals bis hin zur ambulanten und auch stationären Versorgung bedeutet. Was heißt das für die Mundgesundheit in Deutschland? Das ist schwer vorauszusagen. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte lässt erwarten, dass die Präventionsexpansion in der ersten Lebenshälfte weiter zunimmt, ebenso wie die Morbiditätskompression in der zweiten, und sich die Trends in der Mundgesundheit hierzulande fortsetzen. Gleichzeitig sehen wir, dass globale Ereignisse – wie die Corona-Pandemie – sogar bei der Mundgesundheit Auswirkungen haben können, die selbst in einem gut ausgeformten Gesundheitssystem nicht vollständig kompensiert werden können. Wir wissen auch, dass „Eingriffe“ in das Gesundheitssystem Auswirkungen auf die mundgesundheitliche Lage haben können. Dies konnte man beispielsweise bei verschiedenen Veränderungen im GKV-Leistungskatalog in der Zahnmedizin sehen; zuletzt erfreulicherweise bei der Einführung der befundorientierten Festzuschüsse prothetischer Leistungen, nach der wir eine Halbierung der Zahnlosigkeit festgestellt haben. Ohne vorwegzugreifen: Ihr Fazit? Die für mich ganz persönlich wichtigste Erkenntnis aus unserem erstmaligen longitudinalen Studienarm ist, dass die chronischen Erkrankungen der Zahnmedizin nicht linear, sondern periodisch verlaufen: Aus der theoretischen Epidemiologie wissen wir seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert, dass die lebenslangen Erkrankungen Karies und Parodontitis lange in Phasen der Stagnation verbleiben und von nur kurzzeitigen, aber heftigen Schüben der Progression abgewechselt werden. Es verwundert daher allein statistisch nicht, dass man in der zahnärztlichen Praxis überwiegend die Stagnationsphasen sieht, was einen dazu verleiten könnte, anzunehmen, alles sei in Ordnung. Unsere Daten zeigen aber auch, dass sich beispielsweise der Anteil der schweren Parodontitis zwischen Mitte 40 und Mitte 50 verdoppelt. Dabei werden die meisten Parodontitis-Behandlungen erst im fortgeschrittenen Alter durchgeführt. Wenn wir die hohe gemessene parodontale Erkrankungslast so eindrucksvoll senken wollen, wie das bei der Karies gelungen ist, bin ich davon überzeugt, dass wir einen ähnlichen Präventionsweg einschlagen müssen. Bei der Karies haben wir die größte Senkung der Krankheitslasten durch eine Kombination von Primär- und Sekundärprophylaxe erreicht. Die tertiären Präventionserfolge, des zunehmenden Zahnerhalts bis hin zu einer dramatischen Senkung der völligen Zahnlosigkeit im Alter, haben sich dann in der Folge eingestellt. Auf die Parodontitis übertragen, hieße dies aus meiner Sicht: Stärkung der parodontalen Primärprävention und wirksame Verschränkung von Ausbau des Systems der Früherkennung (Screening) mit der Einleitung einer frühen Behandlung. Das Gespräch führte Claudia Kluckhuhn. Primärprävention Gesunder Zahn Initialläsion (Demineralisation) Kavität (Karies) Zahnverlust Mundhygiene Fluorid Restauration Initialläsion (Demineralisation) Kavität (Karies) Sekundärprävention Tertiärprävention Zustand Verhinderung von Beispielmaßnahme Ebenen der Prävention „Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte lässt erwarten, dass die Präventionsexpansion in der ersten Lebenshälfte weiter zunimmt, ebenso wie die Morbiditätskompression in der zweiten, und sich die Trends in der Mundgesundheit hierzulande fortsetzen.“ Foto: IDZ

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