56 | ZAHNMEDIZIN INTERVIEW MIT PROF. DR. ROLAND FRANKENBERGER ZUR FLUORIDDEBATTE „Wo gründlich geprüft wird, spricht die Evidenz eine eindeutige Sprache“ Kaum ein Thema löst in der Öffentlichkeit regelmäßig so viele Diskussionen – und in der Folge Unsicherheit – aus wie Fluorid. Woran liegt das, und wie sollte die Zahnmedizin damit umgehen? Prof. Dr. Roland Frankenberger, Direktor der Klinik für Zahnerhaltung der Philipps-Universität Marburg, über soziale Medien als Verstärker, wissenschaftliche Evidenz und die Rolle der Zahnärzteschaft im Umgang mit Verunsicherung. Herr Prof. Frankenberger, Fluorid ist in der Zahnmedizin seit Jahrzehnten etabliert. Warum wird das Thema derzeit öffentlich wieder so intensiv diskutiert? Prof. Dr. Roland Frankenberger: Das lässt sich eindeutig auf die sozialen Medien zurückführen. Dort werden heute Reichweiten erzielt, die früher kaum vorstellbar waren. „Botschaften“ aller Art – insbesondere auf Plattformen wie Instagram oder TikTok – verbreiten sich rasant und erfahren eine enorme Multiplikation. Influencer verdienen mit beliebigen Produktempfehlungen viel Geld, während sich Desinformationen ebenso mühelos verbreiten lassen. Fluorid ist längst nicht das einzige zahnmedizinische Thema, das auf diese Weise verzerrt dargestellt wird. Auch Ölziehen (oft positiv), Mundspüllösungen (häufig negativ), Wurzelkanalbehandlungen (immer wieder negativ) oder Keramikimplantate (positiv im Vergleich zu Titanimplantaten) werdenöffentlich diskutiert – nicht selten auf der Grundlage von Meinungen mit äußerst geringer wissenschaftlicher Evidenz. Dennoch hat diese Entwicklung auch eine positive Seite: Grundsätzlich ist es erfreulich, dass zahnmedizinische Themen heute ein so großes öffentliches Interesse wecken. Haben Sie den Eindruck, dass sich die Fluorid-Debatte in den letzten Monaten verändert hat – und wenn ja, wodurch? Ich bin kein Meinungsforschungsinstitut – mein Blick auf dieses Thema kann daher keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben. Ich kann lediglich meine subjektive Wahrnehmung wiedergeben, und die fällt eindeutig aus: Ja! Insbesondere nehme ich eine spürbare Zunahme an Kolleginnen und Kollegen wahr, die sich öffentlich fluoridkritisch äußern. Das verleiht diesen Positionen eine größere Glaubwürdigkeit, als wenn entsprechende Aussagen allein von fachfremden Personen stammen. Warum ist ausgerechnet Fluorid immer wieder anfällig für öffentliche Verunsicherung und Kontroversen? Ich vermute, dass dies zunächst auf eine seit jeher bestehende, begriffliche Verwechslung mit dem elementaren Fluor zurückzuführen ist. Dieses ist zweifellos hochreaktiv und toxisch; daraus jedoch eine Gefährdung durch Fluoridverbindungen abzuleiten, greift zu kurz. Ein vergleichbares Missverständnis ließe sich auch bei Natriumchlorid konstruieren, das unter anderem aus Chlor besteht, ohne deshalb als giftig zu gelten. Im Gegenteil: Die therapeutische Breite ist bei Kochsalz deutlich enger als bei Fluorid. Welche Rolle spielen Medien und verkürzte Gesundheitsbotschaften bei der aktuellen Verunsicherung? Wie bereits angedeutet, kommt den sozialen Medien in diesem Kontext meines Erachtens eine zentrale, wenn nicht gar die entscheidende Rolle zu. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es uns offenbar noch immer zu gut geht, wenn wir uns überhaupt in dieser Intensität mit derartigen Fragestellungen befassen. Der eigentliche Kipppunkt ist für mich jedoch dort erreicht, wo sich zunehmend auch Kolleginnen und Kollegen öffentlich fluoridkritisch positionieren. Dies verleiht den entsprechenden Narrativen eine neue Qualität – insbesondere dann, wenn einzelne Akteure auf Plattformen wie Instagram über sechsstellige Followerzahlen verfügen und damit Reichweiten im Bereich von 20 bis 30 Millionen Aufrufen jährlich erzielen. Ein derartiger Multiplikatoreffekt bleibt naturgemäß nicht folgenlos, wenn dabei Inhalte zweifelhafter Evidenz verbreitet werden. Die Konsequenzen zeigen sich inzwischen sogar im universitären Alltag: In meinen Vorlesungen werde ich von Studierenden regelmäßig auf Inhalte aus sozialen Medien angesprochen – etwa hinsichtlich des Stellenwerts etablierter curriculärer Lehrinhalte wie Wurzelkanalbehandlungen, Fluoridanwendungen, Mundspüllösungen oder der professionellen Zahnreinigung. All dies sind Themen, die öffentlich teils vehement infrage gestellt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass sich auch zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus der Humanmedizin zu zahnmedizinischen Fragestellungen Prof. Dr. med. dent. Roland Frankenberger ist Direktor der Klinik für Zahnerhaltung der Philipps-Universität Marburg. Foto: privat zm116 Nr. 08, 16.04.2026, (626)
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