76 | ZAHNMEDIZIN zm116 Nr. 09, 01.05.2026, (742) sicher zu vermeiden. Das Dilemma wird schnell zum Problem: Sie blicken – womöglich bei schlechtem Licht – von oben auf drei deckellose Dosen mit kaum zu unterscheidendem Inhalt. Spätestens jetzt ist das Risikomanagement Ihrer Praxis gefordert! Lieber Lhasa als LASA Lhasa in Tibet kennen Sie zumindest vom Namen – aber kennen Sie auch LASA? LASA bedeutet „Look Alike – Sound Alike“ und thematisiert diese Verwechslungsgefahr – in unserem Fall das ähnlich aussehende Medizinprodukt „Anästhesieampulle“. LASA birgt gerade in der medizinischen Versorgung schnell ein erhebliches Risiko für die Patientensicherheit. Ähnliche Verpackungsdesigns führen zu potenziell gefährlichen Fehlanwendungen. Das Minimieren solcher Verwechslungsgefahren ist ein bedeutender Faktor des Risikomanagements und damit auch ein wesentlicher QM-Marker einer Praxis. Eine Fehlanwendung ist immer ein Medikationsfehler. Dieser Begriff ist EU-weit einheitlich definiert: ein unbeabsichtigtes Handeln im Medikationsprozess, das zu einer Schädigung des Patienten führt oder führen kann. Schnell kann es im Praxisalltag kritisch werden: Natürlich ist bei der Applikation von Lokalanästhetika Adrenalin als Vasokonstriktor das Mittel der Wahl. Es vermindert die Blutungsneigung, verzögert den Abtransport des Lokalanästhetikums am Injektionsort und drosselt damit dessen Übertritt in den Kreislauf [Schneider et al., 2015]. Wegen dieser positiven Eigenschaften sollte bei einer relativen Kontraindikation der Vasokonstriktor nicht weggelassen, sondern in geringerem Verhältnis verwendet werden [Daubländer & Kämmerer, 2012; Schneider et al., 2015]. Die American Heart Association (AHA) empfiehlt bei kardialen Risikopatienten mit einer relativen Kontraindikation eine maximale Konzentration von 1:100.000 bei Lidocain mit Adrenalin beziehungsweise 1:200.000 bei Articain mit Adrenalin. Die Maximaldosis von 40 µg Adrenalin pro kg Körpergewicht darf nicht überschritten werden. Bei einer Lösung für Adrenalin 1:200.000 entspricht das 6,7 ml, also 3,9 Ampullen bei der handelsüblichen Füllmenge von 1,7 ml. Bei 1:100.000 entspricht dies 3,3 ml und 1,9 Ampullen [Malamed, 2008; Daubländer, 2014]. Besteht eine absolute Kontraindikation für einen Vasokonstriktor, sollte auf Mepivacain, Bupivacain oder Articain zurückgegriffen werden, da diese eine geringere Vasodilatation im Gewebe verursachen und damit auch eine längere Wirkungsdauer besitzen [Wahl, 2016]. CIRS bedeutet „Critical Incident Reporting System“ – ein Meldesystem über unerwünschte Beinahe-Ereignisse und Zwischenfälle. Normalerweise berichten Praxen nach einem Ereignis. Hier haben uns Meldungen aus der Praxis erreicht, bevor ein unerwünschtes Ereignis eingetreten ist. Das Risikomanagement hat offensichtlich gut funktioniert! Auch wenn das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bei LASA-Fällen Handlungsempfehlungen an die Hersteller geben kann und sie somit in die Pflicht nehmen will, sehen wir grundsätzlich keine juristische Handhabe, die Hersteller im Schadensfall in irgendeine Mitverantwortung ziehen zu können. Die Verantwortung für ärztliches Handeln, also hier die Vornahme einer Lokalanästhesie, liegt allein beim Behandler, also bei Ihnen! Meist reagieren die Hersteller schon bei LASA-Verdacht im Rahmen ihres eigenen Qualitätsmanagements mit einer Änderung der Beschriftung oder der Verpackung. Oft auch mit beidem. Doch manche sind – vielleicht aus Kosten- und Renditegründen – schwerfälliger. Deshalb unserer Anliegen: Prüfen Sie bitte das Verwechslungsrisiko bei den von Ihnen verwendeten Präparaten – und schaffen Sie gegebenenfalls Abhilfe! Zum Beispiel durch eigene unterscheidungskräftige Markierungen der betreffenden Produkte. Oder wählen Sie das Produkt von vornherein so aus, dass die Verwechslungs-/LASAGefahr möglichst gering ist. Denn Sie sollten sich bei den täglichen Abläufen sicher fühlen – und sind letztlich verantwortlich. Ein gutes Risikomanagement macht Sie sorgenfreier. Und eine mögliche Reise nach Lhasa dann unbeschwerter. Freundlicher Gruß Ihr „CIRSdent – Jeder Zahn zählt!“-Team SO KANN ICH MITMACHEN „CIRS dent – Jeder Zahn zählt!“ (CIRS: Critical Incident Reporting System) ist ein Online-Berichts- und Lernsystem von Zahnärzten für Zahnärzte. Auf der Website www.cirsdent-jzz.de können dort angemeldete Kolleginnen und Kollegen auf freiwilliger Basis, anonym und sanktionsfrei über unerwünschte Ereignisse aus ihrem Praxisalltag berichten, sich informieren und austauschen. Ziel ist es, so aus eigenen Erfahrungen und denen anderer Zahnärzte zu lernen. Damit leistet jeder Teilnehmer einen aktiven Beitrag zur Verbesserung der Patientensicherheit. Rund 6.000 Zahnärzte haben sich bereits registriert und rund 200 Berichte eingestellt. Machen auch Sie mit – es lohnt sich! Zur Anforderung eines neuen Registrierungsschlüssels, etwa im Fall eines Verlusts, können sich Praxisinhaber an ihre zuständige Kassenzahnärztliche Vereinigung (KZV) oder an cirsdent@ kzbv.de wenden. Privatzahnärztlich tätige Kollegen und die Leiter universitärer zahnärztlicher Einrichtungen erhalten die Registrierungsschlüssel von ihrer (Landes-)Zahnärztekammer, die Mitglieder der Bundeswehr von ihren Standortleiter.
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