POLITIK | 19 der jüngeren Erwachsenen zur Wendezeit mehr als fünf (!) fehlende Zähne; heute fehlt in diesem Alter durchschnittlich ein Zahn. Hinzu kommt, dass der Versorgungsgrad bei Karies erheblich gestiegen ist. So findet man statistisch betrachtet heute bei lediglich jedem zweiten Erwachsenen eine unbehandelte Karies (inklusive Sekundärkaries); damals waren es fast zwei kariöse Zähne bei jedem Erwachsenen! Diese Entwicklung spiegelt sich logischerweise auch in den Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung wider: Zahnextraktionen sind seit 2003 um 26 Prozent zurückgegangen, Füllungen um 37 Prozent. Zum ersten Mal in einer Deutschen Mundgesundheitsstudie wurden Studienteilnehmende aus der Vorgängeruntersuchung nach neun Jahren erneut zahnmedizinisch-klinisch untersucht und sozialwissenschaftlich befragt. Diese grundlegende Erweiterung des Studiendesigns ermöglicht nun neben der Beschreibung von Erkrankungslasten (Prävalenz) und Risikoassoziationen zum Verhalten auch Aussagen darüber, wann Erkrankungen überhaupt einsetzen (Inzidenz) und wie sich die oralen Erkrankungen über den Zeitraum entwickeln (Progression). Initialläsionen sind nicht die Füllungen von morgen! So konnten wir beispielsweise zum ersten Mal beobachten, wie sich frühe kariöse Läsionen (Initialläsionen) über einen Zeitraum von fast einer Dekade darstellen. Sind dies die Füllungen von morgen? Mitnichten! Initialläsionen, also white spots, gehen bei nur 20 Prozent der Kinder bis zur Volljährigkeit in eine etablierte Läsion über; drei Viertel der Läsionen heilen in dieser Zeit aus. Die Reaktivität initialer Läsionen nimmt mit dem Alter ab, so dass im Erwachsenenalter jede dritte Initialläsion in eine etablierte Karies mit Kavitation übergeht und im Seniorenalter erhöht sich dieser Anteil auf fast jede zweite Läsion. Diese Erkenntnis einer grundsätzlich hohen Reversibilität initialer kariöser Läsionen unter Alltagsbedingungen – wie sie hier gezeigt wurde – sollte unbedingt dazu genutzt werden, um eine systematische non-invasive Therapie zum Standard zu machen. Als breitenwirksame Therapie ist seit Langem hochdosiertes Fluorid anerkannt und im Rahmen der Individualprophylaxe auch Bestandteil der GKV. Unsere Daten zeigen allerdings, dass dies in jedem Lebensalter möglich ist. Aus den bereits vorliegenden Querschnittsergebnissen der DMS • 6 sind bereits die Hoch-Risikogruppen für Karies identifiziert: Menschen aus bildungsfernen Gruppen weisen eine viermal so hohe Karieslast (und später auch Zahnlosigkeit!) auf wie Menschen aus der hohen Bildungsgruppe. Ein noch höheres Risiko zeigen Menschen mit einer Migrationsgeschichte und Menschen mit allgemeinmedizinischen chronischen Erkrankungen wie Diabetes. zm116 Nr. 10, 16.05.2026, (781) Abb. 1: Progression und Remission initialer Karies nach neun Jahren Foto: IDZ Abb. 2: Migrationsgeschichte als eigenständiger Risikofaktor Foto: IDZ
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