24 | ZAHNMEDIZIN starre Verbandplatte eingegliedert. Diese wurde über einen Zeitraum von zwei Monaten belassen. Aufgrund der eingeschränkten Compliance der Patientin waren engmaschige Kontrollen notwendig (Abbildung 6). Die Platte wurde alle zwei Wochen entfernt, gereinigt und erneut eingesetzt. Nach drei Monaten zeigten sich die Zähne und das Implantat klinisch stabil. Eine Kontroll-DVT-Untersuchung sowie ein heller Klopfschall nach sechs Monaten bestätigten eine erneute Osseointegration des Implantats (Abbildungen 7 und 8). Diskussion Dentoalveoläre Traumata stellen einen relevanten Anteil der orofazialen Verletzungen dar. Epidemiologische Studien zeigen, dass etwa 20 bis 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen sowie etwa 15 Prozent der Erwachsenen im Laufe ihres Lebens mindestens ein dentales Trauma erleiden [Andersson et al., 2012; Glendor, 2008]. Besonders häufig betroffen ist die Oberkieferfront, da diese Region aufgrund ihrer anatomischen Lage exponiert ist und daher bei Stürzen häufig zuerst traumatisiert wird [Glendor 2008]. Zu den häufigsten Verletzungen zählen Zahnfrakturen, Subluxationen, Extrusionen und Luxationen. Intrusionen dagegen sind eine seltenere Verletzungsform, sie machen etwa 0,3 bis zwei Prozent der dentoalveolären Traumata aus [Andreasen et al., 2018]. Jedoch gelten sie als besondere therapeutische Herausforderung, da sie häufig mit erheblichen Schäden des parodontalen Gewebes sowie des alveolären Knochens einhergehen. Für natürliche Zähne existieren etablierte Therapieempfehlungen. Die aktuelle deutsche S2k-Leitlinie „Therapie des dentalen Traumas bleibender Zähne“ [DGZMK/DGMKG, 2022] beschreibt die traumatische Intrusion als axiale Dislokation eines Zahnes ins Alveolarfach hinein. Durch die axial wirkenden Kräfte kommt es häufig zu ausgeprägten Verletzungen des Parodonts mit Quetschung oder Abriss des parodontalen Ligaments sowie zu einer Denudierung der Wurzeloberfläche. Zusätzlich kann der Alveolarknochen gequetscht oder frakturiert sein. Die Leitlinie empfiehlt – abhängig vom Ausmaß der Intrusion – ein differenziertes Vorgehen. Bei einer geringgradigen Intrusion (< 3 mm) kann eine spontane Re-Eruption abgewartet werden. Bei einer mittelgradigen Intrusion (3 bis 6 mm) kann eine chirurgische oder kieferorthopädische Reposition erfolgen. Und bei einer stärkeren Intrusion (> 6 mm) wird eine sofortige Reposition empfohlen. Bei einer Intrusion bleibender Zähne mit geschlossenem Apex kann aufgrund des Abrisses des Gefäß-NervenBündels von einer Pulpanekrose ausgegangen werden, weshalb im Verlauf eine Wurzelkanalbehandlung notwendig werden wird. Mit der zunehmenden Verbreitung implantatgetragener Versorgungen entstehen neue traumatologische Fragestellungen. Verletzungen unter Beteiligung von Implantaten unterscheiden sich grundlegend von denen an natürlichen Zähnen, da Implantate osseointegriert sind und keine parodontale Aufhängung besitzen. Während dentale Traumata natürlicher Zähne über lange Zeiträume intensiv untersucht wurden und etablierte Therapieempfehlungen existieren, sind traumatische Implantatschäden bisher nur selten beschrieben, klare therapeutische Empfehlungen existieren bislang nicht. Als Verletzungsfolgen wurden bei Implantaten zumeist Implantatfrakturen oder Lockerungen beschrieben, die häufig eine Explantation erfordern [Goodacre et al., 2003; Goodacre et al., 2012; Merli et al., 2006]. Der aktuelle Fall zeigt eine äußerst seltene Verletzungskonstellation. Nach Kenntnis der Autoren findet sich in der Literatur bislang kein vergleichbarer Bericht über eine traumatische Intrusion eines dentalen Implantats mit anschließender Reposition und erfolgreicher Re-Osseointegration. Der Fall verdeutlicht also, dass bei traumatischer Implantatintrusion – sofern das Implantat strukturell intakt ist – ein erhaltender Therapieversuch durch Reposition und Stabilisierung erfolgreich seinkann. Implantatfrakturen gelten als schwerwiegende Komplikation und machen in der Regel eine Explantation erforderlich [Goodacre et al., 2003]. In diesem Fall konnte intraoperativ jedoch ausgeschlossen werden, dass eine strukturelle Beschädigung des Implantats vorlag, sodass eine Reposition mit dem Ziel einer erneuten Osseointegration sinnvoll erschien. Die erfolgreiche Re-Osseointegration lässt sich vermutlich durch mehrere Faktoren erklären. Entscheidend ist die mechanische Stabilität während der zm116 Nr. 10, 16.05.2026, (786) Dr. med. dent. Nasim Ayad Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum GmbH, Klinik für Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie In der Schornau 23–25, 44892 Bochum Foto: privat Dr. med. Maximilian Roth Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum GmbH, Klinik für Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie In der Schornau 23–25, 44892 Bochum Foto: Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum Prof. Dr. Dr. Martin Kunkel Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum GmbH, Klinik für Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie In der Schornau 23–25, 44892 Bochum Foto: privat
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