ZAHNMEDIZIN | 31 rend akuter Schmerz als Alarmsignal eine Schutzfunktion erfüllt, gleicht chronischer Schmerz häufig einem Fehlalarm und kann auch ohne erkennbare Verletzung fortbestehen. Nach ihrer Ursache differenziert Zeilhofer zwischen nozizeptiven, entzündlichen und neuropathischen Schmerzen. Ihnen liegen demnach unterschiedliche Mechanismen zugrunde und erfordern daher auch unterschiedliche Behandlungsstrategien. Nozizeptiver Schmerz entstehe durch die Aktivierung von Nozizeptoren und nozizeptiven Bahnen. Er entspreche dem klassischen Warnsignal bei akuter Gewebeschädigung. Therapeutisch stehen hier laut Zeilhofer vor allem Lokalanästhetika und – je nach Situation – Opioide im Vordergrund. Komplexer sei dagegen der Entzündungsschmerz. Neben Vorgängen im entzündeten Gewebe komme es auch im Rückenmark zu einer Sensibilisierung der Schmerzverarbeitung. Hemmende Nervenzellen verlieren an Wirkung, während nachgeschaltete Zellen zunehmend empfindlicher werden. Dadurch könne ein Schmerzgedächtnis entstehen und eine Hyperalgesie begünstigt werden, so Zeilhofer. Behandelt werde diese Schmerzform vor allem mit nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), Coxiben, Paracetamol und Metamizol. Zeilhofer verwies jedoch auch auf die Grenzen dieser Therapie: „NSAR sind mit einem gastrointestinalen Risiko verbunden, NSAR und Coxiben zudem mit kardiovaskulären Risiken." Der neuropathische Schmerz unterscheide sich davon grundlegend, da er durch eine Läsion oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems verursacht wird. Ursachen seien häufig Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus, Virusinfektionen wie Zoster oder HIV, Verletzungen wie Nervenläsionen, komplexe regionale Schmerzsyndrome (CRPS) oder Tumoren, außerdem neurotoxische Medikamente sowie idiopathische Verläufe. Klassische Analgetika wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Paracetamol seien hier fast immer unwirksam, sagte Zeilhofer. Stattdessen kämen Gabapentinoide wie Gabapentin und Pregabalin sowie Antidepressiva wie Duloxetin oder Amitriptylin zum Einsatz. Die „Barfußmethode“ hat nur begrenzt Aussagekraft „Die Schmerztherapie steht im Zentrum unseres zahnärztlichen Handelns“, leitete Dr. Ralf Schlichting, DDS, PhD, M.Sc. (Passau) seinen Vortrag über Schmerzpatienten in der Endodontie ein. Angelehnt an den 3D-Ansatz der American Association of Endodontists stellte er sein Konzept vor: Diagnose, Therapie, Medikation. Entscheidend sei die Reihenfolge: erst die Diagnose, dann die Behandlung. Den Sensibilitätstest bezeichnete er als „Barfußmethode“ mit begrenzter Aussagekraft. Der Test prüfe nur die Reizleitung der Pulpa, nicht deren Durchblutung, und erfasse damit nicht deren tatsächliche Vitalität. Die Gefahr: Es kann irrtümlich eine noch durchblutete Pulpa eröffnet werden. Auch der Perkussionstest erlaube keine Aussage über die Vitalität. Eine positive Reaktion spreche für eine Entzündung des parodontalen Ligaments und sei bei unklarer Schmerzlokalisation oft ein wichtiger Hinweis. Für die definitive Behandlung empfiehlt Schlichting, sich auf die Beseitigung der Noxe zu konzentrieren, da dies die Zahl der Behandlungsfehler senke. Die Behandlung sollte grundsätzlich unter Kofferdam erfolgen, da dies Studien zufolge den Erfolg deutlich verbessert. Bei der symptomatischen irreversiblen Pulpitis habe sich das Vorgehen in den vergangenen Jahren verändert. „Eine Pulpa hält viel mehr aus, als wir uns früher vorgestellt haben“, erläuterte er. Nach vollständiger Kariesexkavation und Pulpaexposition komme je nach Befund neben der Vitalexstirpation auch die partielle Pulpotomie infrage. Dabei werde irreversibel geschädigtes Pulpagewebe entfernt. Sistiert die Blutung nicht innerhalb von fünf Minuten, sei eine vollständige Pulpotomie mit Entfernung der gesamten Kronenpulpa angezeigt. Schmerzfälle, Notfälle und Unfälle im Praxisalltag Die weiteren Referate umfassten die gesamte Spannweite des Tagungsthemas. Prof. Dr. Roland Weiger (Basel) befasste sich mit den häufigsten Zahn-assoziierten Notfallsituationen – hier müssen oft schnell Entscheidungen getroffen werden, die für den Zahnerhalt wichtig sind. Prof. Dr. Dr. Eik Schiegnitz (Mainz und Wiesbaden) zeigte typische Risikosituationen in der Implantologie und präventive Strategien. Prof. Dr. Clemens Walter (Greifswald) präsentierte in seinem Vortrag „Retten Parodontologen Leben?“ Praxisfälle mit ungewöhnlichen Parodontitis-assoziierten Allgemeinerkrankungen. PD Dr. Julian Schmöckel, M.Sc. (Greifswald) sprach zum Zusammenhang von frühkindlicher Karies und Kindeswohlgefährdung. Was beim Umgang mit Risikopatienten zu beachten ist, darüber klärte Prof. Dr. Dr. Ralf Smeets (Hamburg) auf und Prof. Dr. Dr. h.c. Thomas Attin (Zürich) zeigte, wie sich Risiken für Schmerzen nach einer Füllungstherapie reduzieren lassen. zm116 Nr. 10, 16.05.2026, (793) In ihren Grußworten zogen Dr. Norbert Struß (r.), Vorsitzender der Bezirkszahnärztekammer (BZK) Freiburg, sein Stellvertreter Dr. Georg Bach (l.) und Prof. Dr. Elmar Hellwig, Wissenschaftlicher Leiter der Tagung, eine Bilanz. Foto: IZZ / Billischek Gabriele Billischek Informationszentrum Zahn- und Mundgesundheit Baden-Württemberg (IZZ) Heßbrühlstr. 7, 70565 Stuttgart Foto: IZZ
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