ZAHNMEDIZIN | 69 sie antizipatorische Stressreaktionen auslösen, die die weitere Schmerzverarbeitung negativ beeinflussen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die bewusste Gestaltung von Sprache klinische Relevanz. Ziel ist nicht die Beschönigung medizinischer Maßnahmen, sondern eine präzise und zugleich ressourcenorientierte Rahmung. Bereits geringfügige Veränderungen in der Wortwahl und der Struktur der Aufklärung können das Behandlungserleben spürbar beeinflussen, ohne den zeitlichen Aufwand der Kommunikation (wesentlich) zu erhöhen. Mit Vertrauen fängt es an Die Wirkung sprachlicher Interventionen lässt sich dabei als Regelkreis verstehen, dessen Ausgangspunkt die Beziehungsgestaltung ist. Eine tragfähige, vertrauensbasierte Beziehung ist die Voraussetzung dafür, dass Patientinnen und Patienten bereit sind zuzuhören und die vermittelten Inhalte als relevant zu verarbeiten. Ohne diese Grundlage bleiben auch fachlich korrekte Informationen in ihrer Wirkung begrenzt. Mit zunehmendem Vertrauen steigt die Aufnahmebereitschaft, Inhalte werden nicht nur gehört, sondern kognitiv und emotional integriert. So kann die semantische Gestaltung ihre Wirkung entfalten, indem sie positivere Bedeutungen aktiviert und Erwartungen formt. Diese Erwartungen beeinflussen wiederum das Erleben der Behandlung, insbesondere Schmerz, Stress und das Gefühl von Kontrolle. Wird die Behandlungserfahrung als konsistent und beherrschbar erlebt, stabilisiert dies das Vertrauen in die behandelnde Person und wirkt zurück auf die Beziehungsebene. Es entsteht ein sich selbst stabilisierender Regelkreis, in dem die Beziehung, die Bedeutungszuweisung und die Erwartungsbildung untrennbar miteinander verbunden sind, sodass Kommunikation nicht als linearer Prozess, sondern als dynamisches System zu verstehen ist, in dem jede Äußerung den weiteren Verlauf der Behandlung mitbestimmt. Ein häufig unterschätztes Problem in der klinischen Kommunikation betrifft die Darstellung von Risiken. Verbale Kategorien wie „häufig“, „gelegentlich“ oder „selten“ werden von den Patientinnen und Patienten äußerst variabel interpretiert und systematisch überschätzt. Der Begriff „häufig“ wird im allgemeinen Verständnis nicht selten im Bereich von 30 bis 50 Prozent verortet, obwohl die medizinische Beschreibung von „häufig“ den Bereich von einem bis unter zehn Prozent beschreibt. Diese Fehlkalibrierung führt zu einer verzerrten Erwartungsbildung und begünstigt Nocebo-Effekte, da die wahrgenommene Eintrittswahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen deutlich überschätzt wird. Hinzu kommt, dass Formulierungen mit Negationen, etwa „die meisten haben gar keine Nebenwirkungen“, kognitionspsychologisch problematisch sind. Negationen werden häufig unvollständig verarbeitet, während gleichzeitig der zentrale Begriff der Aussage dennoch aktiviert bleibt. So wird genau der Bedeutungsbereich angesprochen, der eigentlich vermieden werden sollte. Daraus ergibt sich insbesondere im Aufklärungsgespräch die Herausforderung, medizinisch korrekt zu informieren, ohne gleichzeitig negative Erwartungsprozesse zu verstärken. Eine noch größere Herausforderung stellen Beipackzettel dar, da die Formulierungen hier vom Patienten, unabhängig vom Kontakt mit den Behandelnden, aufgenommen werden. Gerade bei der Gabe von Antibiotika, die ja regelmäßig genommen werden sollen, bieten sich schon bei der Verschreibung schützende Formulierungen an, wie: „Sie erhalten jetzt ein Antibiotikum, damit diese Entzündung möglichst schnell abheilt." Aus rechtlichen Gründen gibt es natürlich einen Beipackzettel, in dem selten vorkommende Nebenwirkungen aufgezählt werden. Dazu muss man wissen, was „selten“ in der Medizin bedeutet, nämlich, dass 999 von 1.000 Patienten allein die unterstützende Wirkung des Antibiotikums bei der Heilung spüren werden. Entsprechende Framing-Effekte zeigen sich auch im Umgang mit Angstpatientinnen und -patienten, bei der Ankündigung unangenehmer Reize sowie während der Behandlung selbst. Schon Formulierungen wie „Nicht bewegen!“ oder „Das ist jetzt schwierig!“ verstärken die Unsicherheit und damit die Stressreaktion. Für solche Situationen ist es hilfreich, sich feststehende Formulierungen anzugewöhnen, wie: „Bitte jetzt einen ganz kurzen Moment ruhig sitzen bleiben und ausatmen.“ Der Patient weiß dann genau, was er tun soll, und konzentriert sich auf die Handlungsanweisung. Die Wortwahl beeinflusst die Assoziationen Vor diesem Hintergrund lassen sich Ansatzpunkte für eine wirksame Gestaltung von Kommunikation ableiten, die sich aus dem beschriebenen Zusammenhang von Beziehung, Bedeutungszuweisung und Erwartungsbildung ergeben. Die konkrete Wortwahl beeinflusst die emotionalen Assoziationen, die mit einer Maßnahme verbunden sind, so dass technisch korrekte, aber zugleich emotional entlastete Begriffe negative Bedeutungszuschreibungen reduzieren können. Eine Formulierung wie „Vorbereiten des Zahns“ oder „vorsichtiges Öffnen des Bereichs“ verändert die Bedeutungszuweisung zm116 Nr. 10, 16.05.2026, (831) Annika Łonak Fachärztin für Radiologie und Neuroradiologie, Oberärztin Universitätsspital Basel Foto: Kimi Palme Dr. med. dent. Anke Handrock Praxiscoach, Lehrtrainerin für Hypnose (DGZH), NLP, Positive Psychologie, Coaching und Mediation, Speakerin und Autorin Foto: Sarah Dulgeris
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