70 | ZAHNMEDIZIN gegenüber „bohren“ oder „aufschneiden“, ohne den fachlichen Inhalt zu verändern. Antizipatorische Aussagen prägen darüber hinaus die spätere Wahrnehmung unmittelbar, da Formulierungen wie „Sie spüren kurz einen kleinen Druck“ oder „Das ist für einen Moment spürbar und dann gut kontrollierbar“ eine andere Erwartungsbildung erzeugen als unspezifische Warnungen vor „Schmerzen“, indem sie die Wahrnehmung zeitlich begrenzen, differenzieren und eine klare Prognose enthalten. Die Beziehungsebene bleibt dabei die Voraussetzung für die Wirksamkeit dieser Interventionen. Das subjektive Gefühl von Kontrolle wirkt anxiolytisch und schmerzmodulierend. Durch Hinweise wie „Wenn Sie zwischendurch eine kurze Pause möchten, geben Sie mir gerne mit der linken Hand ein kurzes Zeichen“ wird das Kontrollerleben gestärkt. Insbesondere Formulierungen wie „Sie brauchen keine Angst zu haben, Frau Doktor ist ganz vorsichtig“ werden im Vorfeld einer Behandlung durch wohlmeinende Mitarbeitende oft verwendet. Leider wird dadurch das zugrunde liegende Konzept der Angst aktiviert beziehungsweise verstärkt. Hilfreicher wären Formulierungen wie „Die allermeisten Patienten sind nach so einer Behandlung ausgesprochen zufrieden“. Ankündigen oder ablenken? Ob man unangenehme Reize ankündigt oder den Patienten durch geeignete Methoden hinreichend ablenkt, ist eine eigene Diskussion. Wenn man sich zur Ankündigung unangenehmer Reize entscheidet, führt ein „Das wird jetzt weh tun“ jedoch zu einer anderen antizipatorischen Verarbeitung als „Sie spüren möglicherweise gleich kurz einen Druck (oder einen intensiveren Reiz), der dann schnell wieder nachlässt“. Hier sind eine zeitliche Begrenzung, eine Differenzierung und eine entlastende Prognose integriert. Während der Behandlung stärken konkrete Handlungsanleitungen wie „Sie unterstützen die Behandlung am besten, wenn Sie jetzt noch etwas weiter zu mir schauen und den Mund etwas weiter öffnen“ oder „Wir sind auf einem guten Weg, das klappt sehr gut“ die Kooperation und die Selbstwirksamkeit. Im Unterschied dazu belasten negativ bewertenden oder kritisierende Aussagen die Beziehung. Auch in der postoperativen Kommunikation verändert sich die Erwartung, wenn anstelle von „Das wird wahrscheinlich stark anschwellen und weh tun“ Formulierungen gewählt werden, die eine rasche Normalisierung und Handlungsfähigkeit betonen. Die gezielte Nutzung sprachlicher Effekte zur Beeinflussung von Erwartungen wirft zugleich ethische Fragen auf: Kommunikation beeinflusst nachweislich die Wahrnehmung, den Schmerz und das Behandlungserleben, wodurch sich die Frage nach der Grenze zwischen legitimer therapeutischer Rahmung und unzulässiger Manipulation stellt. Placebo- und Nocebo-Effekte beruhen jedoch nicht auf Täuschung im engeren Sinn, sondern auf psychophysiologischen Mechanismen der Erwartungsbildung und -verarbeitung, die zm116 Nr. 10, 16.05.2026, (832) Die Erwartungshaltung steuert die Schmerztherapie (siehe Kasten „Zur Studienlage“) Foto: Handrock, mithilfe generativer KI erstellt ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden.
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