Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 13-14

38 | TITEL Die Entscheidung, wie viel kariös verändertes Dentin entfernt wird, ob eine Pulpaexposition vermieden oder akzeptiert wird und welche Maßnahmen im Fall einer Exposition folgen, beeinflusst nicht nur den kurzfristigen Behandlungserfolg, sondern häufig die gesamte Prognose des Zahnes. Über Jahrzehnte war die non-selektive („vollständige“) Entfernung kariösen Dentins bis zu einem durchgehend harten Kavitätenboden das dominierende therapeutische Verfahren. Dieses Vorgehen wurde als notwendige Voraussetzung für den Langzeiterfolg betrachtet, auch wenn es mit einer relevanten Rate an Pulpaexpositionen einherging. Die daraus resultierende Konsequenz – häufig die Wurzelkanalbehandlung – wurde als akzeptabler, teils unvermeidlicher Preis angesehen. Parallel dazu etablierten sich zahlreiche protektive therapeutische Maßnahmen, insbesondere Unterfüllungen und indirekte Überkappungen, die eine zusätzliche Sicherheit gegenüber pulpanahen Restaurationssituationen suggerierten, ohne dass deren klinischer Nutzen belegt war. In den vergangenen Jahren hat sich dieses Bild grundlegend verändert. Fortschritte im biologischen Verständnis der Pulpa, robuste klinische Studien zu minimalinvasiven Exkavationsstrategien sowie die Entwicklung bioaktiver Materialien haben zu einer Neubewertung zentraler therapeutischer Grundannahmen geführt. Der Vitalerhalt der Pulpa ist heute nicht mehr primär ein glücklicher Zufall, sondern zunehmend ein planbares Therapieziel. Anspruch der Leitlinie Vor diesem Hintergrund wurde eine europäische S3-Leitlinie zum Management tiefer und extrem tiefer Karies in vitalen permanenten Zähnen entwickelt, getragen von der European Federation of Conservative Dentistry (EFCD), der European Society of Endodontology (ESE), der Organisation for Caries Research (ORCA) und der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ). Diese gemeinsame S3-Leitlinie ist wichtig, weil verschiedene zahnärztliche Fachgesellschaften, mit traditionell sehr unterschiedlichen Herangehensweisen zu diesem sehr kontrovers diskutierten Thema einen Konsensus und zahlreiche Behandlungsempfehlungen – auf der Basis von solider Evidenz – abgegeben haben. Die Leitlinie betrachtet die Kariesexkavation, die Vitalerhaltung der Pulpa und die Materialwahl nicht isoliert, sondern als aufeinander aufbauende, teils ineinandergreifende therapeutische Schritte. Sie muss nun schrittweise in nationale Handlungsempfehlungen umgesetzt werden. Die Leitlinie folgt der Methodik der AWMF und dem GRADE-Ansatz und repräsentiert damit den höchsten evidenzbasierten Leitlinienstandard. Ihr Anspruch ist ausdrücklich praxisorientiert: Sie adressiert typische klinische Entscheidungssituationen entlang des Behandlungsverlaufs und übersetzt die verfügbare Evidenz in konkrete Empfehlungen. Zielgruppe sind Allgemeinzahnärztinnen und Allgemeinzahnärzte ebenso wie Spezialistinnen und Spezialisten der Zahnerhaltung, der Kinderzahnheilkunde und der Endodontie. Die Leitlinie gilt für permanente Zähne aller Altersgruppen mit vitaler Pulpa und schließt Milchzähne explizit aus. Tiefe und extrem tiefe Karies Die Leitlinie unterscheidet zwischen tiefer und extrem tiefer Karies. Tiefe Karies ist definiert als eine Läsion, die bis ins innere Viertel des Dentins reicht, wobei noch eine schützende Schicht aus Dentin über der Pulpa vorhanden ist. Bei extrem tiefer Karies hingegen ist die gesamte Dentindicke durchdrungen, so dass eine Pulpaexposition während der Behandlung hochzm116 Nr. 13-14, 16.07.2026, (1088) VORSTELLUNG DER NEUEN EUROPÄISCHEN S3-LEITLINIE Tiefe Karies behandeln und dabei die Pulpa erhalten Falk Schwendicke, Helena Dujic, Esra Kosan, Sebastian Paris, Sascha Herbst Der Vitalerhalt der Pulpa gilt heute nicht mehr als glücklicher Zufall, sondern ist zunehmend ein planbares Therapieziel. Die neue internationale S3-Leitlinie zur Behandlung tiefer und extrem tiefer Karies an vitalen bleibenden Zähnen hat den höchsten evidenzbasierten Standard und will ausdrücklich Hilfen für die Praxis geben. ZUR S3-LEITLINIE Im April 2026 haben die European Federation of Conservative Dentistry (EFCD), die European Society of Endodontology (ESE), die Organisation for Caries Research (ORCA) und die Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) eine europäische S3-Leitlinie zum Management tiefer und extrem tiefer Karies in vitalen permanenten Zähnen (Deep Caries Management) veröffentlicht. Ziel ist, die Pulpa vital zu halten, Pulpaexpositionen zu vermeiden und aufwendige Wurzelkanalbehandlungen zu umgehen.

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