54 | GESELLSCHAFT ZM-HISTORY Wie ein gefälschter Scheck einen Zahnarzt glücklich machte Im Jahr 1919 bezahlt ein Patient in Paris nach einer Zahnbehandlung per Scheck. Allerdings nicht mit einem normalen Bankscheck, sondern mit einer wunderschönen, handgezeichneten Fälschung. Doch der Praxisinhaber Daniel Tzanck ist keinesfalls erbost – im Gegenteil, sogar liebend gerne nimmt er dieses Falsifikat entgegen. Der Patient ist nämlich niemand Geringeres als der französisch-amerikanische Maler und Objektkünstler Marcel Duchamp – Mitbegründer der Konzeptkunst, Wegbereiter des Dadaismus und des Surrealismus. Duchamp, 1887 in Frankreich geboren, arbeitete zunächst als Illustrator und Karikaturist, wandte sich dann dem Kubismus zu. Der Besuch der Luftfahrtschau 1912 im Pariser Grand Palais markierte für den jungen Mann einen Wendepunkt: Er war so begeistert von den technischen Innovationen und den von ihm als perfekt empfundenen industriellen Formen, dass er die Malerei aufgab und mit dem „Fahrrad-Rad“ (Roue de Bicyclette / Bicycle Wheel) 1913 sein erstes Readymade-Kunstwerk schuf. „Auf der Suche nach etwas, das weder Kunst noch Anti-Kunst ist, etwas, das sich durch Indifferenz gegenüber allen ästhetischen Kategorien auszeichnet“, montierte er das Vorderrad eines Fahrrads in seiner Fahrradgabel auf einen Hocker. Noch berühmter und bekannter ist wohl seine Skulptur „Fountain“ – ein liegendes Pissoir – aus dem Jahr 1917, „one of the greatest—and most amusing—controversies in the history of modern art“, wie das Philadelphia Museum of Art zum Hundertjährigen schrieb. Das Konzept Ready-made (englisch für „Fertigware“) oder auch Objet trouvé (französisch für „gefundener Gegenstand“) war geboren. Duchamp stellte damit den gängigen Kunstbegriff seiner Zeit radikal infrage, weil er postulierte, dass Alltags- oder Naturgegenstände allein dadurch zum Kunstwerk gemacht werden können, indem der Künstler sie „findet“ und zum Kunstwerk erklärt. Das disruptive Konzept wurde in den New Yorker Kunstkreisen begeistert aufgenommen, Duchamp freundete sich eng mit Künstlern wie Man Ray an und pendelte zwischen 1919 und den frühen 1920er-Jahren mehrmals zwischen Paris und New York hin und her. Während eines Aufenthalts in Paris besuchte er dann den Zahnarzt Daniel Tzanck und bezahlte ihn mit dem gefälschten Scheck für eine Behandlung. Der Scheck ist über 115 Dollar ausgestellt und stammt demnach von der „The Teeth’s Loan & Trust Company Consolidated“ in der Wall Street, New Fotos: Yanukit Raiva / gettyimages, wikimedia / Remitamine
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