Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

ZAHNMEDIZIN | 59 individuell entschieden werden. Der klinisch sehr dünne und fragile Zystenbalg von Keratozysten neigt insbesondere im Bereich der Apizes zu Rupturen. Dadurch können lingual schwer zugängliche Gewebereste oder Satellitenzysten zurückbleiben, die ein erhöhtes Rezidivpotenzial aufweisen. Eine prophylaktische Wurzelspitzenresektion und eine vorangegangene endodontische Behandlung können somit das Rezidivrisiko senken. Liegt infolge des aggressiven Wachstumsmusters der Keratozyste bereits eine Resorption der Wurzelspitze mit Zahnlockerung vor, kann die Zahnextraktion – wie in diesem Fall – als Ultima Ratio erforderlich sein. Lange Zeit war die Fixierung mittels Carnoy’scher Lösung eine bewährte Behandlungsmethode zur Senkung des Rezidivrisikos. Dabei wird nach der Zystektomie eine Lösung von 1 g Eisen(III)-chlorid in 6 ml 96-prozentigem Ethanol, 3 ml Chloroform und 1 ml 99-prozentiger Essigsäure zur Fixierung des Zystenbalgs direkt in die Kavität injiziert [Soluk-Tekkeşin und Wright, 2018]. Aufgrund nachgewiesener neurotoxischer Effekte hat diese Methode jedoch in den vergangenen Jahren deutlich an therapeutischem Stellenwert verloren. Die zentrale operative Herausforderung stellte in diesem Fall die enge Lagebeziehung zum Nervus mentalis dar. Die intraoperative Darstellung und Mobilisation des Nervs ermöglichte eine vollständige Entfernung der Läsion bei gleichzeitigem Funktionserhalt. Dieses Vorgehen ist insbesondere bei Rezidiven von Bedeutung, da hier häufig narbige Veränderungen und anatomische Verschiebungen vorliegen, die das Risiko einer iatrogenen Nervverletzung erhöhen. Die Verwendung autologen Knochens zur Defektauffüllung stellt ein etabliertes Verfahren dar. Neben der Förderung der Knochenregeneration trägt sie zur strukturellen Stabilisierung bei und kann insbesondere bei größeren Defekten sinnvoll sein. Eine Socket Preservation mit späterer implantologischer Versorgung bahnt den Weg für eine kaufunktionelle Rehabilitation nach erfolgter Einheilung. Rezidive treten häufig in den ersten fünf Jahren nach der Primärbehandlung auf, mit einem gehäuften Auftreten innerhalb der ersten drei postoperativen Jahre [Apajalahti et al., 2011]. Sie können jedoch auch, wie im beschriebenen Fall, deutlich später beobachtet werden. Da Lokalrezidive nach mehr als zehn Jahren nur selten auftreten, empfiehlt sich eine jährliche klinische und radiologische Verlaufskontrolle mittels OPG [Thiem et al., 2019]. Bei unklaren Befunden kann ergänzend eine dreidimensionale Bildgebung erfolgen und mit der initialen Verlaufskontrolle verglichen werden. Nach fünf rezidivfreien Jahren ist eine weitere Nachsorge im Rahmen der hauszahnärztlichen Routineuntersuchungen mit klinischer Kontrolle sowie zahnärztlicher Röntgendiagnostik im Zweijahresintervall empfehlenswert, um mögliche Rezidive frühzeitig zu erkennen. Schlussfolgerung Der Fall zeigt, dass auch bei Rezidiven odontogener Keratozysten in unmittelbarer Nachbarschaft zu wichtigen Strukturen eine vollständige und Struktur-erhaltende Zystektomie möglich ist. Entscheidend sind eine präzise präoperative Diagnostik, ein strukturiertes chirurgisches Vorgehen sowie eine konsequente Nachsorge. n zm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1205) FAZIT FÜR DIE PRAXIS n Odontogene Keratozysten weisen eine hohe Rezidivneigung auf. n Rezidive können auch Jahre nach der Primärtherapie auftreten. n Die DVT ist essenziell für die präoperative Planung. n Die vollständige Entfernung des Zystenbalgs ist entscheidend. n Die Darstellung und Schonung des Nervus mentalis ist bei entsprechender Lagebeziehung obligat. n Eine langfristige Nachsorge ist zwingend erforderlich. Foto: Candra – stock.adobe.com, splitov27 – stock.adobe.com SCHON GEFOLGT? Ihre Pause. Ihr Feed. Ihr Praxiswissen. Jetzt folgen und keine News verpassen: zm – Zahnärztliche Mitteilungen Erhalten Sie die wichtigsten News aus Praxis, Politik & Wissenschaft und die spannendsten Beiträge von zm – Zahnärztliche Mitteilungen direkt in Ihren Feed. Obüber LinkedInoder Facebook: bleiben Sie informiert, vernetzt und immer einen Schritt voraus in der Zahnmedizin.

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