Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

58 | ZAHNMEDIZIN regelrechte Wundheilung ohne Hinweise auf ein erneutes Rezidiv. Diskussion Diese Fallkonstellation verdeutlicht die typischen Herausforderungen im Management odontogener Keratozysten. Nomenklatorisch ist zu beachten, dass die Läsion in der WHO-Klassifikation von 2005 als „keratozystischer odontogener Tumor" (KCOT) eingestuft und damit den benignen Neoplasien zugeordnet worden war. Mit der 4. Auflage der WHO-Klassifikation von 2017 wurde diese Einordnung jedoch revidiert, so dass die Läsion seither erneut als odontogene Keratozyste (und damit als entwicklungsbedingte Zyste) geführt wird [Soluk-Tekkeşin und Wright, 2018]. Im zahnärztlichen Schrifttum findet sich daher mitunter noch die ältere Bezeichnung KZOT. Die odontogene Keratozyste entsteht aus Resten der dentalen Lamina, macht etwa 5 bis 15 Prozent aller odontogenen Zysten aus und zählt neben der radikulären und der follikulären Zyste zudenhäufigsten epithelialen odontogenen Zysten [Suominen et al., 2023]. Sie tritt überwiegend im Alter zwischen 30 und 60 Jahren auf und wird häufig zufällig im Rahmen radiologischer Untersuchungen entdeckt. Erste klinische Hinweise können jedoch auch Schmerzen oder Schwellungen sein. Im Röntgenbild zeigen sich typischerweise uni- oder multilokuläre, seifenblasenartig erscheinende Aufhellungen. Eine Resorption der Zahnwurzeln kann vorkommen, wobei die betroffenen Zähne in der Regel vital bleiben. Zudem kann die Keratozyste ein infiltrativaggressives Wachstum zeigen und ins umliegende Weichgewebe einwachsen [Römer et al., 2020; Thiem et al., 2019]. Mehrere Keratozysten können mit dem Gorlin-Goltz-Syndrom assoziiert sein. Bei dieser autosomal-dominanten Erbkrankheit, die unter anderem als Basalzell-Nävus-Syndrom bekannt ist, leiden die Patienten an dermalen Basalzellkarzinomen in Kombination mit multiplen Keratozysten, einer Verkalkung der Falx cerebri sowie weiteren skelettalen und entwicklungsbedingten Pathologien [Bresler et al., 2016; Blatt und Kämmerer, 2024]. Wichtige Differenzialdiagnosen umfassen darüber hinaus die radikuläre und die residuale Zyste – im vorliegenden Fall aufgrund der Vorgeschichte mit einer Wurzelspitzenresektion an Zahn 45 von besonderer klinischer Relevanz –, die follikuläre Zyste, das zentrale Riesenzellgranulom sowie seltener das Ameloblastom. Eine sichere Abgrenzung gelingt erst histopathologisch. Ein wesentliches klinisches Problem stellt die hohe Rezidivrate dar, die je nach Therapieform und Studienlage zwischen etwa drei Prozent und über 60 Prozent variieren kann [Barrett et al., 2025]. Diese ist multifaktoriell bedingt, deren Verständnis erfordert histopathologische Grundkenntnisse. Der Zystenbalg ist meist dünn und fragil sowie von einem parakeratinisierten, geschichteten Plattenepithel von sechs bis zehn Zelllagen mit charakteristisch palisadenartig angeordneter Basalzellschicht ausgekleidet. Ursache der Fragilität ist unter anderem das Fehlen von Reteleisten [Soluk-Tekkeşin und Wright, 2018]. Neben der fragilen Zystenwand spielen insbesondere Satellitenzysten und epitheliale Zellreste eine entscheidende Rolle. Diese können selbst nach sorgfältiger Enukleation im Knochen verbleiben und Ausgangspunkt für ein erneutes Wachstum sein [Suominen et al., 2023]. Vor diesem Hintergrund sind sowohl die Wahl der Therapie als auch die langfristige Nachsorge von entscheidender Bedeutung. Literaturdaten zeigen, dass die Rezidivrate stark vom gewählten Therapieverfahren abhängt. Während die alleinige Enukleation mit höheren Rezidivraten verbunden ist (bis etwa 28 Prozent), kann eine Zystektomie mit zusätzlichem Ausfräsen der umliegenden Knochenwände diese deutlich reduzieren [Blanas et al., 2000]. In einer 2024 veröffentlichten Übersichtsarbeit wurden verschiedene chirurgische Behandlungsstrategien bei Keratozysten hinsichtlich ihrer Rezidivhäufigkeit verglichen. Aufgrund der uneinheitlichen und heterogenen Datenlage ließ sich jedoch keine eindeutige Empfehlung für eine bestimmte Therapie ableiten, diese bleibt somit eine individuelle Entscheidung [Blatt und Kämmerer, 2024; Dioguardi et al., 2024]. Im beschriebenen Fall wurde die knöcherne Kavität nach Zystektomie ausgefräst. Die Wahl der Therapie richtete sich dabei nach der radiologischen und der klinischen Ausdehnung des Befunds. Da es sich bei dem Fall bereits um ein Rezidiv handelte, hätte die alleinige Enuklation eine Form der Untertherapie dargestellt. Auch die Frage nach dem potenziellen Erhalt von betroffenen Zähnen muss zm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1204) Abb. 4: Defekt nach vollständiger Zystektomie Foto: Universitätsmedizin Mainz ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden.

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