Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 17

ZAHNMEDIZIN | 19 von 0,3 cm bei skelettaler Klasse II mit ausgeprägter Mikro- und Retrognathie des Unterkiefers. Die Okklusion entsprach einer Angle-Klasse II/1 bei einem Overbite von 2,8 mm und einem Overjet von 20 mm. Im Seitenvergleich bestand eine geringgradige Kinnasymmetrie nach rechts. Der Zahnstatus war aufgrund der eingeschränkten Hygienefähigkeit sanierungsbedürftig, mit fehlender Erhaltungswürdigkeit mehrerer Zähne (Abbildung 1). Nebenbefundlich war das Mädchen zum Zeitpunkt der Vorstellung aufgrund der stark eingeengten oberen Atemwege bereits tracheotomiert, was alltägliche Aktivitäten oder die Teilnahme an einem altersentsprechenden Leben – nicht zuletzt durch die eingeschränkte Sprechfunktion – unmöglich machte. Eine am Tag der Erstvorstellung angefertigte digitale Volumentomografie (DVT) bestätigte die Verdachtsdiagnose einer beidseitig destruierenden Kiefergelenksarthrose mit Ankylose vom Typ III–IV rechts und Typ III links nach Sawhney [Sawhney, 1986] mit ausgedehnter periartikulärer Ossifikation, Verlust der Kondylenmorphologie und fehlender Gelenkspaltabgrenzung beidseits bei radiologisch zusätzlich imponierendem Wilkes-Stadium V [Wilkes, 1989] (Abbildung 2). Aufgrund der ausgeprägten Unterkieferhypomobilität, der hohen sagittalen Verlagerungsstrecke sowie der verkürzten perimandibulären Weichgewebestrukturen mit entsprechend hohem skelettalem Rezidivrisiko wurde ein zweizeitiges Therapiekonzept mit primärer Unterkieferdistraktion und darauffolgender alloplastischer CAD/ CAM-Kiefergelenkrekonstruktion festgelegt. Eine kieferorthopädische Vorbehandlung wurde aufgrund der nicht möglichen Mundöffnung und des anatomisch erforderlichen sagittalen Ausgleichs zurückgestellt. Im März 2022 erfolgte die Unterkieferdistraktion in ventrokaudaler Richtung mithilfe eines CAD/CAM-schablonengestützt positionierten Distraktors vom Typ Zurich Wood Distractor® (KLS Martin, Tuttlingen, Deutschland). Nach dreitägiger Latenzphase erfolgte die Distraktion plangemäß rechts um 7,5 mm vertikal und 13,5 mm horizontal sowie links um 7,5 mm vertikal und 13,0 mm horizontal über zwei Wochen (Abbildung 3). Nach einer zehnmonatigen Konsolidierungshase folgte der bilaterale totale CAD/CAM-Kiefergelenkersatz (Zimmer Biomet, Warsaw, Indiana, USA). Nach komplikationslosem postoperativem Verlauf manifestierte sich eine persistierende, aseptische Weichgewebsschwellung im Bereich der Masseterloge beidseits. Eine daraufhin veranlasste allergologische Testung ergab eine positive Reaktion auf Chrom und Nickel, so dass zwölf Monate später die Indikation zur Revision und Materialumstellung auf eine all-titanium-Prothesenkonfiguration (Zimmer Biomet, Warsaw, Indiana, USA) gestellt wurde. Nach Abschluss der Planungs- und Produktionsphase konnte der Revisionseingriff im März 2024 erfolgreich zm116 Nr. 17, 01.09.2026, (1261) Abb. 2: Skelettale Situation zum Zeitpunkt der Erstvorstellung Foto: Universitätsmedizin Mainz PD Dr. Dr. Daniel G. E. Thiem, MHBA, FEBOMFS Klinik und Poliklinik für Mund-, Kieferund Gesichtschirurgie – Plastische Operationen, Universitätsmedizin Mainz Augustusplatz 2, 55131 Mainz Foto: Thiem ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden. A C B Univ.-Prof. Dr. Dr. Peer W. Kämmerer, MA, FEBOMFS Leitender Oberarzt / Stellvertr. Klinikdirektor Klinik und Poliklinik für Mund-, Kieferund Gesichtschirurgie – Plastische Operationen, Universitätsmedizin Mainz Augustusplatz 2, 55131 Mainz Foto: Kämmerer

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