zm116 Nr. 18, 16.09.2026, (1388) 50 | ZAHNMEDIZIN Gleichwohl ist die rein klinische Diagnose in der Mundhöhle, besonders an der Zunge, aufgrund der breiten Differenzialdiagnose limitiert. Bildgebend kann bei oberflächlichen Läsionen zunächst die Sonografie hilfreich sein; bei tieferen oder ausgedehnteren Prozessen ist die Magnetresonanztomografie das Verfahren der Wahl [Kretschmer, 2022]. Im MRT zeigen sich Lipome typischerweise als homogene, zum umgebenden Fettgewebe isointense Läsionen mit signalarmen Septen beziehungsweise Kapselanteilen [Kretschmer, 2022]. In der Kopf-Hals-Region erlaubt das MRT zudem eine präzise Beurteilung der Tiefenausdehnung, der Beziehung zu neurovaskulären Strukturen und eines möglichen intramuskulären Wachstums, was insbesondere für Zungenlipome relevant ist. Die definitive Diagnose erfolgt histopathologisch. Histologisch dominieren bei oralen Lipomen klassische/ simple Lipome sowie Fibrolipome; darüber hinaus kommen Spindelzelllipome, intramuskuläre Lipome, Sialolipome, Angiolipome, myxoide und weitere seltene Varianten vor [Juliasse et al., 2010; Naruse et al., 2015; Yoon et al., 2022; Lysenko et al., 2024]. Für die Zunge wird in mehreren Serien und Fallberichten eine relative Häufung intramuskulärer und spindelzelliger Varianten beschrieben [Weaver et al., 2008; Pires et al., 2021; Guo et al., 2025]. Besteht histologisch oder klinisch der Verdacht auf eine atypische lipomatöse Läsion, sollte ergänzend eine molekularpathologische Abklärung erfolgen. Hier besitzt die FISHAnalyse auf MDM2-Amplifikation hohen diagnostischen Stellenwert: Der Nachweis einer Amplifikation spricht stark für einen atypischen lipomatösen Tumor beziehungsweise ein gut differenziertes Liposarkom, während ein negatives Ergebnis die Diagnose eines benignen Lipoms stützt [Weaver et al., 2008; Knebel et al., 2019]. Die Differenzialdiagnose submuköser Läsionen der Zunge ist breit und umfasst benigne Weichteiltumoren, vaskuläre Läsionen, Speicheldrüsenläsionen sowie maligne Tumoren [Juliasse et al., 2010; Egido-Moreno et al., 2016; Pires et al., 2021]. Zu den wichtigsten benignen Differenzialdiagnosen zählen Fibrom, Neurofibrom, Schwannom, Hämangiom und Lymphangiom [Egido-Moreno et al., 2016; Pires et al., 2021]. Ebenfalls zu berücksichtigen sind Mukozele, pleomorphes Adenom und Sialolipom, insbesondere bei Läsionen angrenzend an die kleinen Speicheldrüsen [Juliasse et al., 2010; Naruse et al., 2015]. Von besonderer Bedeutung ist die Abgrenzung zum Liposarkom beziehungsweise zum atypischen lipomatösen Tumor / gut differenzierten Liposarkom. Liposarkome sind maligne adipozytäre Tumoren und stellen die häufigste Gruppe der Weichgewebssarkome dar [Xie, 2024]. Klinisch sind sie meist größer, tiefer lokalisiert, weniger gut verschieblich und können durch Verdrängung der benachbarten Strukturen Beschwerden verursachen. Bildmorphologisch sprechen unter anderem eine tiefe Lage, eine unregelmäßige Form, ein Gefäßnachweis, eine atypische Septierung, mineralisierte Areale oder eine Interdigitation mit der Skelettmuskulatur gegen ein einfaches Lipom [Xie, 2024]. Therapie Der Therapiestandard intraoraler Lipome ist die vollständige chirurgische Exzision [Egido-Moreno et al., 2016; Pires et al., 2021; Lysenko et al., 2024] bei gleichzeitiger Schonung der funktionell relevanten Strukturen. Gerade im Bereich der Zunge sind Mobilität, Muskelvolumen, Sensibilität und vaskuläre Versorgung von zentraler Bedeutung. Tiefer liegende oder intramuskuläre Zungenlipome können daher eine sorgfältigere Präparation und gegebenenfalls ein angepasstes Inzisions- oder Lappendesign erfordern [Guo et al., 2025]. In Einzelfallberichten wurden Schleimhaut-gedeckte Zugangstechniken beziehungsweise individuell modifizierte Flap-Konzepte beschrieben, um funktionelle Defizite zu minimieren [Guo et al., 2025]. Nichtchirurgische Verfahren sind für die Mundhöhle nicht etabliert. Experimentelle oder ästhetisch motivierte Ansätze wie Injektionsverfahren besitzen für intraorale Lipome keine gesicherte Evidenz und spielen im Standardmanagement keine Rolle. Aufgrund der differenzialdiagnostischen Relevanz und der Notwendigkeit der histopathologischen Sicherung ist die Exzision gegenüber rein destruktiven oder nicht-gewebserhaltenden Verfahren klar zu bevorzugen. Die Prognose oraler Lipome einschließlich der Zungenlipome ist exzellent. Es handelt sich um benigne Tumoren ohne nachgewiesene maligne Transformation. Nach vollständiger Exzision sind Rezidive selten bis außergewöhnlich [Manor et al., 2011; Egido-Moreno et al., 2016; Pires et al., 2021]. Lediglich bei intramuskulären Varianten wird in der Literatur teilweise ein längeres Follow-up empfohlen, da aufgrund der weniger scharfen Abgrenzbarkeit theoretisch ein erhöhtes Risiko einer inkompletten Resektion besteht. FAZIT FÜR DIE PRAXIS Lipome sind benigne Tumoren reifer Adipozyten und gehören zu den häufigsten Weichteiltumoren des Erwachsenenalters. Intraorale Lipome sind selten; die Zunge stellt eine besonders seltene Lokalisation dar. Klinisch zeigen sie sich typischerweise als langsam wachsende, schmerzlose, weich-elastische und gut verschiebliche submuköse Raumforderungen. Die Diagnostik basiert auf klinischer Untersuchung, Sonografie und – bei tieferen oder ausgedehnten Befunden – Magnetresonanztomografie. Die Therapie der Wahl ist die vollständige chirurgische Exzision. Differenzialdiagnostisch ist die Abgrenzung gegenüber atypischen lipomatösen Tumoren und Liposarkomen relevant. Dabei besitzt die FISH-Analyse auf MDM2-Amplifikation hohen Stellenwert.
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